Gastkommentar

Aus dem Übermass ins Corona-Nichts – und jetzt zurück ins Mass?

Die Krise klingt ab, Normalität kehrt langsam wieder ein. Und jetzt kommt unweigerlich die Frage, was wir jetzt anders, besser, massvoller machen sollten.

Esther Girsberger
Drucken
Teilen
Esther Girsberger ist Publizistin und designierte Ombudsfrau der SRG Deutschschweiz.

Esther Girsberger ist Publizistin und designierte Ombudsfrau der SRG Deutschschweiz.

zvg

Der Apotheker und Zürcher Kantonsrat Lorenz Schmid hatte mitten im «Lockdown», zusammen mit Niklaus Peter, Pfarrer am Zürcher Fraumünster, eine «bäumige» Idee, die sie ab dem 1. Mai umsetzten: In einer Zeit der Verunsicherung, des Zweifels und der Veränderung riefen sie den «Baum der Hoffnung» ins Leben. Während des Monats Mai schmückte ein fünf Meter hoher Baum den autofreien Platz, der vom Fraumünster und Zunfthäusern umrundet wird. Alle drei Tage entwickelten Personen aus der Zivilgesellschaft ihre Gedanken zum Thema «Was nehme ich Positives mit aus der Corona-Zeit». Diese Gedanken wurden über Youtube als Livestream veröffentlicht. Kopiert wurde die Idee eine Woche später durch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, die in Erinnerung an die ausserordentliche Session zur Corona-Krise drei Sommerlinden auf der Berner Allmend pflanzte.

Vieles, was wir im Übermass hatten, werden wir nur noch mit Mass haben

Die Corona-Zeit ist zwar noch nicht vorbei. Aber Normalität ist eingekehrt – bester Beweis dafür, dass die Krise nicht mehr alles dominierend ist. Vieles ist noch immer nicht so, wie es war. Und einiges wird wohl auch nie mehr so sein, wie es früher einmal war. Vieles, was wir früher im Übermass hatten, werden wir vielleicht nur noch mit Mass haben. Und als ich meine Gedanken «Was nehme ich Positives mit aus der Corona-Zeit» formulierte, wurde mir gerade dies deutlich: Dass das Übermass ja etwas Ungesundes ist. Ich hatte wie viele andere ein Übermass an Stress, an Ablenkung, an Alternativen, an Überschwenglichem – zum Beispiel die obligaten drei Küsse zur Begrüssung und Verabschiedung von Menschen, die einem eigentlich gar nie so nahe gewesen sind. Sogar die übermässig vielen Stunden, die ich mit meinen Teenager-Söhnen verbrachte, die im Homeschooling waren, während ich das Homeoffice pflegte, war nicht nur positiv. So sehr ich diese Wochen auch genoss.

Die Gefahr ist gross, dass man rasch in den alten Trott zurückfällt und nach der Rückkehr in die Normalität, wenn sie denn wieder ganz zurückkommt, erst recht das Übermass lebt. Sozusagen kompensatorisch für all die Entbehrungen, die man während des Lockdowns erdulden musste. Allerdings werden die zweifellos einschneidenden wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Zeit auch bei mir dafür sorgen, dass man nicht mehr übermässig, sondern massvoller lebt und handelt. Indem man auf Flugreisen verzichtet oder nicht mehr jede Kulturveranstaltung besucht. Nicht zuletzt, weil die Stimmung in einem Konzertsaal, in dem nur jeder zweite Stuhl besetzt ist, einfach weniger attraktiv ist.

Im Lockdown hat die Zeit eine ganz andere Bedeutung bekommen. Die Agenda war leer, es stand praktisch kein Termin an. Die Zeit und wie wir mit ihr umgingen, half uns, den Grund von zu viel Übermass zu verstehen. Während wir so quasi aus der Zeit fielen, wurde uns bewusst, dass die Zeitwahrnehmung weniger von der Aktivität als von der Qualität her entscheidend ist. Die Entzugserscheinungen von den Aktivitäten waren vorübergehend heftig und eine totale Abstinenz tue ich mir in Zukunft wahrlich nicht an. Aber während der Unruhe, die sich während des Entzugs einstellte, ordnete ich die Prioritäten neu.

Es ist einfacher, einer Verlockung ganz zu widerstehen als in ihr Mass zu halten

Grundsätzlich umkrempeln werde ich mein Leben nicht, wenn ich nicht dazu gezwungen werde. Aber durch die Enthaltung von der Ablenkung kam ich in einer Gegenwart an, die mich selbst und das eigene Wirken spürbarer machten. Ein offenbar oft beobachtetes Phänomen, das sich bei Burn-out-Patienten zeigt, wie es der Psychiater Thomas Fuchs kürzlich in der Wochenzeitung «Die Zeit» beschrieb.

Bekanntlich ist es einfacher, einer Verlockung ganz zu widerstehen, als in ihr Mass zu halten. Aber nachdem die in den letzten Wochen nötig gewordene Selbstverantwortung noch eine ganze Weile andauern wird – oder muss, gebe ich die Hoffnung nicht auf, mich künftig massvoller zu verhalten.