Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Kolumne

C’mon England!

Am Mittwoch spielt die englische Nationalmannschaft im WM-Halbfinal gegen Kroatien. Bis vor kurzem hatten die Engländer absolut null Selbstvertrauen an grossen Turnieren, doch nun scheint sich das zu ändern.
Gabriel Felder
Gabriel Felder, freier Journalist in London. (Bild: Philipp Schmidli)

Gabriel Felder, freier Journalist in London. (Bild: Philipp Schmidli)

«Es ist einfach zu schmerzhaft, sich ein England-Spiel anzugucken. Wer will sich das schon antun?» Bis vor kurzem galt es als fast schon masochistisch, eine Partie der englischen Fussball-Nationalmannschaft live mitzuverfolgen, da «England schlussendlich immer enttäuscht». Beide Aussagen stammen aus meinem näheren Freundeskreis, wobei ich sagen muss, dass seit Dienstagabend ein neuer Wind weht. Doch mehr dazu später.

Die inoffizielle Hymne «Three Lions» der Komödianten Frank Skinner und David Baddiel – vor 22 Jahren erstmals erschienen und im Moment auf Platz 42 der UK-Charts, Tendenz steigend – war eigentlich als tosender Schlachtruf gedacht. Mit seinen melancholischen Akkorden und der Betonung auf «Jahrzehnten der Verwundung» schwang aber stets ein Unterton des Selbstmitleids mit: «Alle wissen’s, es ist so klar, dass England es vermasseln wird» heisst es in der zweiten Strophe pessimistisch. Ich habe mich stets gewundert, warum diese stolze Fussballernation, dieses mächtige Mutterland des «beautiful game» jegliches Selbstvertrauen aufgibt, sobald auch nur der Hauch eines internationalen Turniers aufkommt. Und wie eine selbsterfüllende Prophezeiung trat denn auch meistens ein, was uns der Song eigentlich mitteilen will: Es ist nicht ein Fall von «football’s coming home», sondern von den Fussballern selbst, die allzu früh heimkommen und mit ansehen müssen, wie die rot-weissen Plastikfähnlein im Supermarkt für einen Viertel des Originalpreises verscherbelt werden.

England trägt aber auch im weiteren Sinn, abseits vom grünen Rasen, ein Identitätsproblem mit sich herum. Während alle anderen Nationen des Vereinigten Königreichs am Tag ihres Schutzpatrons tüchtig auf die Pauke hauen, wird der St George’s Day in England mit fast schon peinlicher Berührung unter den Teppich gekehrt. Regionale Parlamente gibt’s in Wales, Nordirland und Schottland, während die Petition für eine ähnliche Institution in England nur im Flüsterton diskutiert wird.

Englischer Nationalstolz gehört sich nicht, und das Imageproblem ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass sowohl Flagge wie auch Schutzpatron von rechtsradikalen Splittergruppen ungefragt und ohne Minderwertigkeitskomplexe gekidnappt wurden. Das Gespött, das der Begriff «englischer Patriotismus» vor allem in intellektuell-liberalen Kreisen in London auslöst, liess ein Vakuum zu, das von rassistischen Minoritäten mit Handkuss gefüllt wurde. «Wenn man die Fahne des Sankt Georg fliegen lässt, ist man dann patriotisch oder ein Symbol von allem, was falsch läuft in England?» Die diesbezügliche Umfrage der Online-Zeitung «The Independent» wartet immer noch auf eine schlüssige Antwort.

Wie gesagt kam es diese Woche endlich zu einem Ende der englischen Selbstgeisselung. Das Fussballteam um Trainer Gareth Southgate – verjüngt, aufgeweckt und frei vom Selbstmitleid der letzten Generation – gibt dem roten Kreuz auf weissem Grund eine Chance zur Neudefinition. «Wer sagt denn, dass wir uns von den Druckverhältnissen der Vergangenheit zurückhalten lassen müssen?», fragte Southgate in einem Fernsehinterview.

Fussball könnte nun, da die Mannschaft heute im Halbfinal steht, tatsächlich heimkommen. Die Plastikfähnchen werden im Supermarkt immer noch zum Originalpreis angeboten, und ich hoffe, dass man erst nach Mitte Monat einen Rabatt bekommt. C’mon England!

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.