Kolumne

Darf man hier mit dem CD-Schild rein?

Ein Verkehrskreisel in Lyss in Form eines Plattenspielers gibt Anlass zu Diskussionen. 

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Keine UFO-Landung, keine überdimensionale Kochherdkunst – es ist ein Verkehrskreisel in Form eines Plattenspielers. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Lyss, 27. Mai 2019))

Keine UFO-Landung, keine überdimensionale Kochherdkunst – es ist ein Verkehrskreisel in Form eines Plattenspielers. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Lyss, 27. Mai 2019))

Es war das Jahr 1978 und die Jahreszeit war dieselbe wie jetzt: Ich erinnere mich daran, weil ich im Alter von 16 ein ausgesprochener Stubenhocker war und auch im Sommer nur dann rausging, wenn es einen Fussballmatch zu spielen gab. Das gab es zwar sehr oft, aber: Disco? Interessierte mich nicht. Mädchen? Schon, aber ich war viel zu schüchtern. Ein Stubenhocker halt.

Da kam das damals ziemlich moderne Plattenspieler-Rack, das mir Schulkollege Marcel Widmer zu einem für mich schweisstreibenden Preis von 250 Franken überliess, gerade recht. Zum Leidwesen meines Vaters und auch der Nachbarn, die unterhalb von uns wohnten, investierte ich nun mein Sackgeld in Schallplatten. Ob ich diese Negermusik nicht endlich leiser drehen könne, war in jener Zeit die tägliche Frage der Nachbarsfrau an der Wohnungstür, allerdings nur, wenn ich vor lauter (ja, lauter) Pink Floyd, Led Zeppelin oder David Bowie überhaupt in der Lage war, die Türklingel zu hören.

Aus 4 Schallplatten (Alan Parsons/Mike Oldfield/Rick Wakeman/Vangelis) wurden 200 LPs, in den kommenden Jahren dann mehrere Tausend, bald Zehntausend.

Die neue Stereoanlage für die erste eigene Wohnung kostete später auch so viel (für Insider: Thorens-Plattenspieler, Accuphase-Verstärker und Bose-Lautsprecher). Immerhin: Der Vater und die Nachbarn fanden aus ihrer Resignation zurück ins normale Leben und mussten nicht mehr mit dem Mahavishnu Orchestra, Frank Zappa und unterdessen auch Béla Bartók einschlafen. Die eigenen Wände und Decken in der nun für monatlich 550 Franken belegten 3-Zimmer-Wohnung waren allerdings noch viel hellhöriger als jene im Elternhaus an der Tribschenstrasse. Aber es war trotzdem paradiesisch: Frau Ammann unten, über 80 Jahre alt, war schwerhörig und verweigerte ein Hörgerät (wegen Zappa?), Agatha oben war meistens mit ihrem Freund im Schlafzimmer beschäftigt. Radiohead, Prince, Stravinsky: Ich konnte die Bässe der Hifi-Anlage voll aufdrehen. Die Membranen vibrierten und zitterten in etwa so wie in der oberen Wohnung das Bett. Gut, manchmal schaute ein Passant vom Trottoir hoch, zu meinem Fenster.

Doch dann geschah es. Es lupfte mir sozusagen den Tonarm aus der LP-Rille: Die CD wurde erfunden! Der Kollege aus der Voltastrasse, dessen Name ich hier anständigerweise nicht erwähne, erklärte mir, dass es die Langspielplatte bald nicht mehr geben werde und dass es ab sofort angebracht und zeitgemäss sei, LP durch CD zu ersetzen. Ich glaubte ihm leider.

Heute, da ich Zehntausende von CDs zu verkaufen versuche (bitte melden Sie sich doch …), aber keiner mehr über einen CD-Player zu verfügen scheint, flattert mir dieses Bild auf den Arbeitstisch. Nein, es ist kein UFO, das auf unserem Planeten gelandet ist, es ist auch keine überdimensionale Kochherdkunst. Es ist ein als Plattenspieler designter Verkehrskreisel im bernischen Lyss (für Insider: Ist es vielleicht eine Platte von Traffic?).

Ein Stubenhocker bin ich auch heute noch. Darum werde ich jetzt sicher nicht in einem Moment von nostalgischem Langspielplattenverräterschuldbewusstsein extra nach Lyss fahren. Aber falls es einen solchen Kreisel irgendwann mal auch unweit meines Wohnzimmers geben sollte, werde ich mit meinen Kindern bestimmt ein paar Runden drin drehen. Und ihnen – bei Tempo 33 natürlich – diese Geschichte hier erzählen. Obwohl … «die hast du schon tausendmal erzählt, kannst Du nicht mal eine andere Platte auflegen ...», würden sie dann wahrscheinlich sagen.

Bleiben also nur noch diese Fragen: Dürfen Autos mit dem Corps-Diplomatique-Nummernschild eigentlich in diesen Kreisel fahren? Und was ist, wenn sie ausgerechnet dann …einen Platten haben?

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Jede Woche publizieren wir zweimal ein originelles oder auffälliges Bild und erzählen dazu eine hübsche Geschichte. Oft berücksichtigen wir ein besonders gelungenes Leserbild.