Gastkommentar

Das geheime Leben der Stadttauben

Warum das Leben inmitten der Menschen nicht immer und für alle eine Bereicherung sein muss

Joelle Weil
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Joelle Weil ist freie Journalistin und lebt in Tel Aviv.

Joelle Weil ist freie Journalistin und lebt in Tel Aviv.

Als Ornithophobin mach ich normalerweise einen grossen Bogen um taubenbesetzte Plätze. Oder ich atme dreimal tief ein und wage mich todesmutig durch. Je nach dem, wie gross der Platz ist, schaff ich das Durchgehen ohne Atemzug. Das mach ich seit drei Jahren todesmutig immer häufiger und bin da etwas stolz auf mich.

Nun hab ich die Tage was zu Stadttauben gesehen und im Anschluss sogar etwas gelesen und war ziemlich erstaunt zu erfahren, dass das Leben unter uns Menschen nicht ganz so toll ist, wie ich immer annahm. Ich lebte ja ständig in der Annahme, dass Tauben aus denselben Gründen zu Stadttauben wurden, wie Menschen zu Stadtmenschen werden: Wegen der lebendigen Atmosphäre, der breit aufgestellten Gastronomie, weil man nachts noch zwischen Asiatisch und Italienisch entscheiden kann. Auch Menschen beobachten macht in der Stadt viel mehr Spass, und als Taube, die ihre Geschäfte gern von Stromleitungen aus verrichtet, muss es unfassbar unterhaltsam sein, wenn man so den einen oder anderen Menschen trifft.

Stadttauben empfand ich als die schickeren Freunde der Landtauben, wobei ich mich bei genauerem Überlegen kaum daran erinnere, auf dem Land je Tauben gesehen zu haben. Aber das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich mich viel zu selten auf dem Land aufhalte.

Die sind gar nicht glücklich bei uns

Umso grösser die Überraschung nach dem von mir willkürlich gewählten Fernsehbeitrag, der mich über die Situation der Stadttauben aufklärte: Die sind gar nicht glücklich bei uns. Noch schlimmer: Die leiden regelrecht. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Taubenkot eigentlich gar nicht weiss und flüssig sein soll, dass er diese Konsistenz jedoch aufgrund von Mangel- und Fehlernährung aufweist. Asiatisch und Italienisch sind demnach doch keine artgerechte Ernährung für Tauben, dämmert es mir langsam.
Die Tierschützerin und Taubenliebhaberin im Fernsehen erklärt weiter, wie schlecht es den Tauben unter uns geht. Die Stimmung im Beitrag verschlechtert sich darauf zunehmend. Sie erzählt, wie unterernährt die meisten Tiere seien und wie hart ihr täglicher Überlebenskampf sei. Infolgedessen habe ich die Brösmeli meines Brotkastens auf den Balkon anstelle in den Abfall geschmissen. Nun bin ich mit mir uneins, ob ich damit die Ratten angelockt habe oder doch eine Taube glücklich machen konnte.

Dann erinnerte ich mich an einen Samstag im Juni, an dem ich eine tote Taube auf dem Veloweg sah. Neben der Taube trauerte ihr oder sein Partner. Dass Tauben lebenslange monogame Beziehungen eingehen, war mir auch neu. Doch ständig raste ein Velo vorbei und vertrieb die trauernde Taube. Sie flog kurz weg, kam nach ein paar Sekunden wieder, setzte sich wieder auf oder zu ihrem oder seinem Partner und wartete, bis das nächste Velo vorbeifuhr. Nicht mal in Ruhe trauern kann man unter uns Menschen, dachte ich mir. Ich schaute mir das Trauerspiel mit ein paar Passanten von der Seite aus an. «Die hatte bestimmt ein gutes Leben», sagte einer. «So mitten in der Stadt mit all dem Essen und den Attraktionen.» Heute weiss ich, dass das nicht stimmt. Die armen Tauben, denk ich mir. Einst von uns ausgesetzt, und heute picken sie Pad Thai vom Boden, um nicht zu verhungern.

So mitten in der Stadt ist doch nicht so gut

Es ist doch verrückt, denk ich mir, wie nah wir mit den Tauben leben und wie wenig wir über sie wissen. Und noch verrückter ist die menschliche Arroganz, die annimmt, dass das Leben mit uns Menschen zwangsläufig eine Bereicherung sein muss.

Haben Sie auch einen Moment lang nicht an Corona und Lockdown gedacht? Gern geschehen. Sie sehen: Es gibt ganz viele Themen, die man nebst steigenden, sinkenden, drehenden und wendenden Zahlen besprechen kann, sollten Sie zu denjenigen gehören, die sich an den monotonen Gesprächsthemen stören.