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Kolumne

Das Märchen vom Sommerloch

Das viel beschriebene Sommerloch in den Medien gibt es nicht. Weder Kriege noch Schicksale pausieren in den Ferien.
Joëlle Weil
Joëlle Weil, freie Journalistin in Tel Aviv.

Joëlle Weil, freie Journalistin in Tel Aviv.

Jedes Jahr aufs Neue wiederholt sich dasselbe Szenario: Mit den Sommerferien verschwindet die politische Elite ins Sommerhaus, und plötzlich erreichen uns Schlagzeilen wie «Kann jede Frau den BH einfach so weglassen?». Sonne, Sommer, Sommerloch. So nennt man die Zeit, in der es scheinbar nichts Relevantes zu berichten gibt und man mit Blabla um sich schmeissen muss, um die Leserschaft bei Laune zu halten. Man muss? Man will. Während man auf allen Redaktionen an das Sommerloch glaubt, dreht sich die Welt nämlich weiter. Weder Kriege pausieren noch Schicksale. Weder Tragödien noch gesellschaftsrelevante Fragen.

Das Sommerloch. Es ist die Zeit des Jahres, in der man auf Redaktionen die Köpfe zusammensteckt und sich so lange am Kopf kratzt, bis die Haarwurzeln den Wind spüren. Man käut alle Diäten, alle wichtigen Tipps für die Badi wieder. Eine Reisedestinationsrankingliste jagt die nächste, und irgendwo rettet ein neuer «Food-Trend» diese Monotonalität und bringt neuen Gesprächsstoff. Und das geht dann so lange, bis die Blätter zu welken beginnen und man dem Leser wieder das Gefühl vermittelt, dass sich die Erde weiterdreht.

Das Sommerloch. Es ist die grosse Lüge, die man sich auf den Redaktionen einredet, und die grosse Lüge, die man dem Leser auftischt. Und es ist vor allem die grosse Lüge, die man als Leser mit einem Schulterzucken akzeptiert, wenn man sie dann erkannt hat, anstatt mit der wütenden Faust gegen den Himmel zu protestieren, weil man von seiner Zeitung mehr erwartet.

Das Sommerloch. Erfunden. Nur weil der privilegierteste Teil der Gesellschaft sich jetzt um seine Bräune kümmert, anstatt sich für die Welt zu interessieren, bedeutet das nicht, dass die Welt unsere Aufmerksamkeit nicht verdient hätte. Es sterben nicht weniger Menschen während des Sommerlochs. Es verarmen nicht weniger Menschen während des Sommerlochs. Es werden nicht weniger Menschen diskriminiert, verfolgt, unterdrückt oder gefoltert während des Sommerlochs.

Warum also wollen wir daran glauben? Weil wir eine Pausen von diesem scheinbar so anstrengenden Leben mit diesen schlimmen Ausgängen benötigen? Wer an ein Sommerloch glaubt, hat das Konzept des Lebens nicht verstanden. Das Leben pausiert nämlich nicht, nur weil bald August ist.

Wir werden nicht müde, jedes Jahr aufs Neue uns Sommerdiäten andrehen zu lassen, aber halten es nicht aus, wenn zweimal pro Woche über die aktuellen Flüchtlingsdramen im Mittelmeer berichtet werden? Über den Krieg im Jemen wollen wir erst gar nichts mehr wissen. Zu langweilig, zu weit weg, zu unpassend zum Strandkorb. Gut, dass die meisten Medien da etwas mitziehen und uns verschonen. Die guten Hintergrundgeschichten sind schliesslich eher für die Masse gedacht als für jene, die sich auch im Juli für relevante Themen interessieren.

Das Sommerloch. Gut, hat es jemand erfunden. Jetzt kann jeder am Rande des Geschehens mal etwas durchatmen.

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