Kommentar

Das Corona-Virus legt selbst Gesunde lahm – ein Appell für einen gelasseneren Umgang

Jérôme Martinu, Chefredaktor der Luzerner Zeitung, appelliert in diesem Leitartikel für einen gelasseneren Umgang mit dem Corona-Virus. Vielleicht wäre etwas weniger nämlich mehr.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Drucken
Teilen

Wir sollen jetzt Abstand halten zueinander. Gesundheitsminister Alain Berset hat «Social Distancing» als neuste Massnahme gegen die Ausbreitung des Corona-Virus verordnet. Und am Ende seiner Ausführungen am Mittwoch schüttelte er der Präsidentin der Gesundheitsdirektorenkonferenz die Hand. Die Szene war unfreiwillig komisch. Ein Sinnbild für den derzeitigen Zustand: Konfusion.

Bundesrat und Bundesamt für Gesundheit publizieren die Erkrankungsfälle in zunehmendem Tempo. Schrittweise werden die Massnahmen verschärft, die zu einer Eindämmung der Virus-Übertragung führen sollen. Parallel dazu kommunizieren die Kantone in eilig einberufenen Medienkonferenzen ihre zusätzlichen Spielregeln. Zum schweizweiten Verbot für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen sind weitergehende Einschränkungen lanciert worden. Meldepflicht, Verbote, Anordnungen für Veranstaltungen ab 50, 100, 150, 200 Personen ... Ein föderales Wirrwarr. Anlässe en masse werden abgesagt. Es gibt, wie etwa in der Tourismusbranche, millionenschwere Einbussen. Die Medien rapportieren zuverlässig, dürfen sich dem kaum entziehen.

Die Tatsachen: Das Corona-Virus breitet sich in der Schweiz rasch weiter aus. Alle Kantone sind betroffen, gestern musste in der Waadt der erste Todesfall verzeichnet werden. So tragisch der Einzelfall – er ist keine Überraschung. Auch bei jeder saisonalen Grippewelle sterben Menschen – ohne öffentlichem «Body Count». Der Bund will in guter Absicht aufzeigen, wie schnell sich die Erkrankung ausbreitet und dass es darum wichtig ist, sich nicht leichtfertig dem Ansteckungsrisiko auszusetzen. Die Erkrankung selber verläuft in den meisten Fällen so harmlos wie eine kommune Grippe. Ein markant erhöhtes Risiko besteht ab 65 Jahren.

Blick in ein Patientenzimmer der neu eingerichteten Isolierungsstation des Kantonsspitals Luzern

Blick in ein Patientenzimmer der neu eingerichteten Isolierungsstation des Kantonsspitals Luzern

Bild: Patrick Hürlimann, 5. März 2020 

Nicht wenige medizinische Experten halten die Corona-Aufregung für komplett übertrieben, nur wenige stehen freilich mit Namen hin. «Panik ist fehl am Platz. Wer gesund ist, überlebt. Das Corona-Virus ist nicht gefährlicher als eine starke Erkältung», erklärt zum Beispiel der bekannte Immunologe Beda Stadler gegenüber unserer Zeitung. Er sagt auch, dass es derzeit unklar ist, wann die Normalität zurückkehren wird.

Die wirkliche Corona-Gefahr ist volkswirtschaftlicher Natur. Das Schadenspotenzial ist enorm. Darum ist es völlig richtig, wenn Firmen Vorkehrungen treffen zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um die Produktionssicherheit zu gewährleisten. Denn die Wahrscheinlichkeit ist beträchtlich, dass Belegschaften breit ausfallen. Würden Unternehmen nicht vorsorgen, so wäre das fahrlässig.

Das wissen die Behörden. Deren Massnahmen zielen auch darauf ab, die wirtschaftlichen Auswirkungen gering zu halten. Doch es passiert das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist. Das Bemühen um eine umfassende und stets aktuelle Kommunikation befeuert die Eskalation. Die Widersprüche sind eklatant. Zunächst hiess es Ruhe bewahren, aber Notvorräte überprüfen – mit Hamsterkäufen als Folge. Der Schaden soll so gering wie möglich gehalten werden, Veranstalter bleiben indes wegen Absagen auf Kosten oder Einnahmeausfällen sitzen. Man soll Abstand zueinander halten, der öffentliche Verkehr mit seinen proppenvollen Pendlerzügen und -bussen rollt uneingeschränkt weiter. Man soll aufgrund der Symptome wie Fieber und Husten schauen, ob man erkrankt ist, aber dann bitte nur in schwereren Fällen zum Arzt oder ins Spital. Die Lage werde «immer ernster», aber man soll nicht in Panik verfallen. Man will das öffentliche Leben nicht lahmlegen, aber die verhängten Massnahmen führen fast unweigerlich dazu.

Die Widersprüche zeigen sich auch bei den Nachbarn: In Italien sind nun sämtliche Schulen und Universitäten geschlossen. In Deutschland finden Fussballspiele mit bis zu 80'000 Zuschauern weiterhin statt.

Natürlich, das Dilemma zwischen Zurückhaltung und Aktionismus ist für die Behörden maximal. Einen echten Ausweg gibt es kaum. Aber vielleicht wäre etwas weniger mehr. Denn bittere Realität ist: Corona legt selbst die Gesunden lahm. Es herrscht Verunsicherung. Das ist ein Appell zur Gelassenheit. Die Welt geht nicht unter, der Alltag muss nicht auf den Kopf gestellt werden. Ein Mailänder Lehrer hat nach der Schulschliessung an seine Schüler geschrieben: «Lasst euch nicht in die allgemeine Hysterie ziehen, führt bei aller nötigen Vorsicht weiter euer normales Leben. Nutzt diese Tage für Spaziergänge, lest ein gutes Buch!» Wohl wahr.