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Kolumne

Demokratie: Lasst die Daten entscheiden

Die heutigen technologischen Möglichkeiten lassen revolutionäre Formen von Demokratie zu.
Miriam Meckel
Miriam Meckel, Publizistin

Miriam Meckel, Publizistin

Die Europawahl ist eine Zäsur. Sie steht für die Disruption der repräsentativen Demokratie, wie wir sie kannten. Warum wagen wir es nicht, eine viel direktere Form der politischen Beteiligung möglich zu machen, und das mit einem viel geringeren logistischen Aufwand? Der amerikanische Professor und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov hat in der Kurzgeschichte «Franchise» (1955) die frühe Version einer «elektronischen Demokratie» entworfen. In der entscheidet der zufällig ausgewählte Amerikaner Normal Muller über die politischen Geschicke des Landes. Ihm werden Fragen gestellt, und die Antworten darauf werden mit Hilfe des Computers Multivac ausgewertet und auf die Wahlpräferenzen der Bevölkerung hochgerechnet. Muller ist stolz, dass durch ihn die amerikanische Bevölkerung in die Lage versetzt wird, «frei und ungehindert ihr Wahlrecht auszuüben». Algorithmische Prognostik ersetzt individuelle Stimmabgabe.

So würde das heute sicher nicht aussehen. Aber die technischen Möglichkeiten der Datenauswertung reichen inzwischen auch viel weiter, als Isaac Asimov sich das Mitte der Fünfzigerjahre vorstellen konnte. Längst lassen sich über Analysen von Twitterdaten, Google Trends und anderen grossen digitalen Datensätzen ziemlich genaue Prognosen darüber erstellen, wie Menschen einkaufen, investieren und sich sonst so verhalten. Auch Wahlausgänge lassen sich vorhersagen. So hat Univac I, der erste kommerzielle Grosscomputer in den USA, schon 1952 auf Basis einer Stichprobe von einem Prozent der Wahlbürger/-innen korrekt den Erdrutschsieg Eisenhowers vorhergesagt, während die meisten Umfragen Stevenson vorne sahen. Bei der US-Präsidentschaftswal 2016 sahen fast alle Meinungsforschungsinstitute Hillary Clinton vorne, die südafrikanische Firma Brandseye sagte einen Wahlsieg Trumps voraus. Die Datenfirma analysiert per Algorithmus weltweit Tweets auf Stimmungslagen hin und prognostizierte so den Trump-Sieg wie auch zuvor schon die Brexit-Entscheidung der Briten.

Eine algorithmische Wahl, gestützt auf die Rechen- und Prognosekapazitäten künstlich intelligenter Systeme, könnte regelmässig präzise beschreiben, was die Europäer/-innen wollen. Das ist ganz besonders für die EU interessant. Ihren Repräsentanten gelingt es nämlich nicht, den Draht zu den Bürgerinnen und Bürgern herzustellen, um zu vermitteln, warum Europa wichtig ist und wie der Einzelne darin zu Wort kommen kann. Knapp die Hälfte der EU-Bürger/-innen ist laut Eurobarometer 2018 der Meinung, ihre Stimme zähle nicht.

In einer Umfrage des Center for the Governance of Change unter 2500 Erwachsenen in Grossbritannien, Spanien, Deutschland, Frankreich, Italien, Irland und den Niederlanden sagte im Frühjahr ein Viertel der Befragten, politische Entscheidungen sollten lieber durch eine künstliche Intelligenz als durch Politiker/-innen getroffen werden. Das spiegelt zum einen den Vertrauensverlust, der Institutionen und ihren Repräsentanten derzeit entgegenschlägt. Es spiegelt aber auch die Vorstellung, dass technologisch gestützte Entscheidungen vielleicht genauer, treffender oder gar gerechter sein könnten.

Digitalisierung macht das Leben an vielen Stellen direkter. Davor wird sich die Politik nicht durch alte Parolen schützen können. Eine algorithmische Repräsentation politischer Präferenzen in der EU würde Europapolitik auf die Ebene einer digitalen Direktdemokratie heben. Wer darüber unter dem Vorwand möglicher Gefahren nicht mal nachzudenken bereit ist, will die eigentliche gar nicht erst sehen: ein Europa, dessen politisches Betriebssystem aus der Zeit gefallen ist. Wo es kein Update gibt, steht Disruption nicht für Neuanfang, sondern für Ende.

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