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Kommentar

Leitartikel zum Rundumschlag von Milo Rau: Der Furor eines gekränkten Gockels

Der St.Galler Stadtrat vergibt den Kulturpreis nicht an den renommierten Theatermacher Milo Rau. Dieser schlägt beleidigt um sich und vergleicht Stadtpräsident Scheitlin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Schade für Milo Rau. Denn der Vergleich ist lächerlich.
Stefan Schmid
Regisseur Milo Rau. (Bild : Thomas Müller)

Regisseur Milo Rau. (Bild : Thomas Müller)

Wie die Vergabe eines mit 30'000 Franken dotierten städtischen Kulturpreises zu einer gehässigen Posse ausarten kann, dürfen wir dieser Tage in St. Gallen mitverfolgen: Da wäre eine Kulturkommission, deren Vorschlag nicht berücksichtigt wurde. Da ist ein international renommierter Theatermacher mit St. Galler Wurzeln, der deshalb tief beleidigt ist. Auf der anderen Seite steht ein Preisträger, der die Auszeichnung absolut verdient, sich aber wie eine zweite Wahl fühlen muss. Und da wäre eine Stadtregierung, die sich forsch über die Kulturkommission hinweggesetzt und damit mehrere Rücktritte provoziert hat.

Felix Lehner hat in St. Gallen die Kunstgiesserei im Sitterwerk aufgebaut. Der Preisträger ist lokal verankert und global tätig. Er ist Geburtshelfer zeitgenössischer Kunst. So verdient der Preis für Lehner ist: Es gibt selbstredend immer andere Köpfe, welchen die Auszeichnung ebenso zustehen würde. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang Manuel Stahlberger. Der Zeichner, Texter und Musiker hat mit der Comicfigur Herr Mäder und mit seinem Lied zum Migros Neumarkt sowohl ein inoffizielles Maskottchen wie eine inoffizielle Stadt-Hymne geschrieben. Die «Zeit» feierte ihn gar als den derzeit besten Popmusiker der Schweiz.

Doch darum geht es nicht. Stahlberger stand offenbar nicht auf der ominösen Liste der Kulturkommission. Dafür figurierte dortselbst nebst Lehner Regisseur Milo Rau, einer der spannendsten Theatermacher Europas. Dass der Stadtrat – er hat in dieser Sache das letzte Wort – Rau den Preis nicht zugestehen wollte, ist durchaus irritierend. Es ist, um einen Vergleich aus der Sportwelt zu bemühen, wie anno 2005, als man den Töfffahrer Tom Lüthi zum Schweizer Sportler des Jahres wählte, anstatt Roger Federer, den besten Tennisspieler der Welt. Lüthi ist zwar auch ein Meister seines Fachs, nur hat seine Disziplin nicht dieselbe Ausstrahlung wie jene Federers. Ähnlich verhält es sich zwischen Raus Theater und Lehners Giesserei.

Dennoch hat die Stadtregierung das Recht, Empfehlungen der Kulturkommission zu übergehen. Stadtpräsident Thomas Scheitlin (FDP) deswegen mit dem türkischen Alleinherrscher Erdogan zu vergleichen, wie das Milo Rau in einem Gastbeitrag gemacht hat, ist – mit Verlaub – lächerlich. Ebenso polemisch ist es, wenn die «WOZ» ausgehend von Raus Rundumschlag behauptet, der «feige Stadtrat» habe mit seinem Gebaren den Kulturpreis «beschädigt». Was für eine Beleidigung für Felix Lehner und sein Sitterwerk!

Milo Raus gehässige Reaktion wirft in erster Linie ein ungünstiges Licht auf das Nervenkostüm des Regisseurs. Dass er enttäuscht ist, weil ihn ausgerechnet die Heimatstadt nicht ehrt, ist nachvollziehbar. Er darf gekränkt und wütend sein. Doch warum nur schickt sich Rau an, gleich mit dem verbalen Zweihänder auf die Stadtregierung einzudreschen, als hätte diese ein kapitales Verbrechen begangen? Sind wir da möglicherweise mit einem Gockel konfrontiert, der seine persönliche Befindlichkeit zum Massstab für kulturpolitische Entscheide macht?

Chefredaktor Stefan Schmid. ©Benjamin Manser

Chefredaktor Stefan Schmid. ©Benjamin Manser

Das bürgerliche St. Gallen, darunter ein gewisser Thomas Scheitlin, tat sich in den 1990er-Jahren schwer mit dem superlinken Journalisten und Autor Niklaus Meienberg. Und es mag bürgerliche St. Galler geben, die sich heute über Milo Raus weltverbesserische Provokationen echauffieren. Wohl auch Scheitlin, der diese Stadt mittlerweile präsidiert. Deswegen aber der – mehrheitlich linken! – Stadtregierung politische Motive zu unterstellen, wirkt reichlich konstruiert. Die Aufregung wird sich legen. Wir sind nicht mit einer Staatsaffäre konfrontiert. Es ist sicher richtig, darüber zu diskutieren, ob es sinnvoll ist, wenn eine politische Behörde den Vorschlag der Kulturkommission übersteuern kann. Es gibt sachliche Gründe, dies zu ändern. Darüber hinaus aber sind alle Hitzköpfe, die sich jetzt so schampar wichtig fühlen, aufgefordert, bald ein erfrischendes Bad im Bodensee zu nehmen.

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