Kommentar

Deutsche Einheit: Die Schweiz im Schmollwinkel der Geschichte

Vor 30 Jahren wurde die DDR in den Deutschen Staatsverband integriert. Die Wiedervereinigung Deutschlands löste in der Schweiz keine Begeisterung aus. Die damit verbundene aussenpolitische Misere ist bis heute nicht überwunden.

Pascal Hollenstein
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Pascal Hollenstein, Publizistischer Leiter CH Media.

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30 Jahre ist es her, da die Deutsche Demokratische Republik und ihr real existierender Sozialismus zu existieren aufhörten. Die Wiedervereinigung Deutschlands war ein epochaler Schritt in der neueren Weltgeschichte, das bisher deutlichste Zeichen, dass der Kalte Krieg sich seinem Ende zuneigte. Die Freude darüber war in Europa aber nicht uneingeschränkt. Grossbritannien und Frankreich, beide voller Misstrauen einem erstarkten Deutschland gegenüber, hatten den Schritt wenigstens formal bewilligen und damit ihre Position absichern können. Die Staaten der damaligen EG waren indirekt eingebunden.

Die Schweiz hingegen beobachtete das, was sich ennet der Grenze tat, aus dem Schmollwinkel der Weltgeschichte. Der Wille der Deutschen zur Wiedervereinigung sei zweifellos vorhanden und solle «nicht verurteilt werden», sagte Aussenminister René Felber im Februar 1990 in einem Fernsehinterview. Um gleich nachzuschieben, dass es natürlich die Angst «gewisser Staaten» vor einer Absorption durch einen «deutschsprachigen Grossraum» gebe. Gemeint damit war die Schweiz.

Felber drückte damit eine weit verbreitete Skepsis aus, begründet in der schweizerischen Urangst vor einem übermächtigen Deutschland. Was, wenn Berlin nun herrischer aufträte als das gemütliche und freundliche Bonn? Nicht nur dem Schweizer Aussenminister war die Neuordnung Europas nicht geheuer.

Auf europäischer Ebene war das Gegenmittel für eine deutsche Vorherrschaft eine rasante Beschleunigung der europäischen Integration. In deren Sog versuchte auch die offizielle Schweiz ihre Position neu zu definieren. Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung freilich scheiterte das Projekt eines Beitritts zum Europäischen Wirtschaftsraum. Seither wurstelt sich das Land bilateral durch.

Der 3. Oktober 1990 war damit ein Stück weit Auftakt zu einem aussenpolitischen Malaise, das bis heute andauert. Fast schon prophetisch agierte Bern am 3. Oktober 1990 wie ein lustloser Hausmeister: Man schloss die Botschaft in Ostberlin. Gefeiert wurde nicht.