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Kolumne

Die armen Kinder in Afrika

An sie sollen die Kinder denken, wenn wieder einmal etwas auf ihrem Teller liegenbleibt. Wenn die Kinder aus Afrika aber übers Mittelmeer zu uns kommen, dann sind sie plötzlich ein Problem.
Joëlle Weil, Tel Aviv
Joëlle Weil, Tel Aviv.

Joëlle Weil, Tel Aviv.

Als ich klein war und meine mittlere Schwester Chantal noch kleiner, liess sie manchmal heimlich das Wasser im Badezimmer laufen. Das durfte sie eigentlich nicht, das hat unsere Mutter ihr immer klar gesagt: «Lass das Wasser nicht laufen – wegen der Kinder in Afrika!» Chantals kindliches Vorstellungsvermögen kombinierte diese beiden Informationen wie folgt: Unser Badezimmer war direkt mit Afrika verbunden, und unsere böse Mutter gönnte den armen Kindern in Afrika das Wasser nicht. Also meinte sie es gut, öffnete in unbeobachteten Momenten den Wasserhahn und flüsterte in den Abfluss: «Trinkt Kinder, trinkt.»

Diese armen Kinder in Afrika. Was hätten die schon alles bekommen können und haben es nicht. «Esst eure Teller auf. Die Kinder in Afrika haben nichts.» Wie oft hätte den Kindern in Afrika bereits mein Rosenkohl zugestanden, doch sie haben ihn nie erhalten. Und jede Tomatengarnitur meiner Kindheit. Es hat sich auch nie einer die Mühe gemacht, ihnen ein Couvert mit Brokkoli zu schicken.

Da macht man sich eine Kindheit lang die Mühe, die Kleinsten zu etwas Mitgefühl und Empathie zu erziehen. Das hat ansatzweise funktioniert, denn mit zwölf Jahren entschied ich mich für ein Patenkind. Balthazar aus Mozambique war damals sechs Jahre alt, und als der Tag seiner Einschulung kam, erhielt ich einen Brief mit einem Foto, wie Balthazar mit einem blauen Rucksack im Busch traurig in die Kamera schaute. Zwei Jahre später entschied ich mich, Balthazar nicht weiterzufinanzieren. Ich wollte lieber ein Puch-Maxi kaufen. Das schien mir total plausibel, denn keiner hielt mich mit den Worten «Die Kinder in Afrika haben nichts» zurück.

Die Kinder in Afrika. Die von damals haben heute selbst welche. Und für die müssen heute neue Kinder aufessen und dürfen sie dann irgendwann vergessen. Die sind ein tolles Druckmittel, diese Kinder in Afrika. Zum Glück sind die so weit weg, dann stören sie in ihrem Elend keinen. Doch die Kinder von damals kommen heute zu uns. Das ist uns dann wahnsinnig unangenehm, weil wir ihnen jetzt in die Augen schauen müssen. Dass sie im Mittelmeer ertrinken, hilft erzieherisch auch keinem. Man kann ja kaum sagen: «Esst eure Teller auf, die Papis der Kinder in Afrika sterben im Mittelmeer.» Nein, das geht wirklich nicht. Also schweigt man lieber dazu, es wird sonst zu kompliziert. Hauptsache, unsere Gemüsepfannen sind leer.

Diese armen Kinder in Af­rika. Weder Wasser noch Rosenkohl haben die. Die tun uns leid, wenn wir sie auf Schwarz-Weiss-Bildern mit aufgeblähten Bäuchen sehen. Da kann man zu Weihnachten schon mal einen Batzen springen lassen. Aber im Elend sollen sie bitte bleiben. Soll sich von denen bloss keiner die Mühe machen, auf der Seite der Welt, auf der man Wasser fliessen lassen kann, sich eine bessere Zukunft aufzubauen. Nein, das passt wirklich nicht. Wem es schlecht geht, dem soll es auch weiterhin schlecht gehen. Wie sollen unsere Kinder von morgen sonst lernen, ihren Überfluss zu schätzen, wenn die da unten nicht leiden. Unvorstellbar.

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