Gastkommentar

Die Grenzen menschlicher Macht

Das Coronavirus könnte ein Umdenken bewirken: Selbstbescheidung statt Selbstverwirklichung.

Mario Andreotti
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Mario Andreotti ist Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor («Eine Kultur schafft sich ab»).

Mario Andreotti ist Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor («Eine Kultur schafft sich ab»).

Ein winziger Krankheitserreger hatte uns fest im Griff. Er zwang uns zu drastischen Einschränkungen und Verhaltensänderungen. In weiten Teilen der Welt musste die Wirtschaft heruntergefahren werden, stand das öffentliche Leben mehr oder weniger still. Die Welt ist nicht mehr, was sie bis anhin für uns war: ein riesiger Umschlagplatz für Güter und Menschen, die weltweit verschoben werden und wo unsere Umwelt, trotz warnender Stimmen, schonungslos ausgebeutet wird. Der Mensch hat den biblischen Auftrag, «sich die Erde untertan zu machen», rigoros umgesetzt, hat sich zum Herrscher über die Schöpfung aufgeschwungen, zum «Mass aller Dinge» gemacht.

Doch das Selbstverständnis des abendländischen Menschen war nicht immer so. Der Mensch des Mittelalters etwa empfand sich, mit den andern Lebewesen zusammen, bloss als einen Teil unserer Erde, gleichsam als einen Mikrokosmos. Nicht er war der Mittelpunkt, die Sinnmitte des Kosmos, sondern für ihn hatte allein Gott diesen Platz inne. Der Mensch fühlte sich nur insofern als Mensch, als er ein Geschöpf seines Schöpfers war.

«Herrscher und Besitzer der Natur»

In der Zeit der Aufklärung, im 18. Jahrhundert, ändert sich dieses Selbstverständnis des Menschen. Der Mensch beginnt, sich als das eigentliche Sinnzentrum des Seienden zu betrachten. Die Erde ist für ihn, auf ihn hin geschaffen; er ist, theologisch mehrfach sanktioniert, die Krone der Schöpfung. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch entdeckt seine Macht und gebärdet sich zunehmend als selbstherrliches, gesetzgebendes Individuum, das sich als «Herrscher und Besitzer der Natur» versteht, wie schon der französische Philosoph René Descartes, ein Vorläufer der Aufklärung, in seinem «Discours de la méthode» 1637 schrieb.

Selbst die streng geometrisch ausgerichteten barocken Gartenanlagen liessen erkennen, wie sehr der Mensch der Natur seinen Willen aufzwingen wollte. Dazu tritt seit der Aufklärung der Fortschrittsglaube des Menschen, sein naives Vertrauen in die Errungenschaften der Naturwissenschaften und der Technik.

Seit dem Industriezeitalter im 19. Jahrhundert wandelt sich das Bild. Der Mensch muss, paradoxerweise gerade als Folge des Fortschritts der Naturwissenschaften, zunehmend erfahren, dass er innerhalb des gesamten Kosmos ein winziger, unbedeutender Teil ist, dem dieser Kosmos letztlich gleichgültig, gesichtslos gegenübersteht. Friedrich Nietzsche hat diese Erfahrung in einem provokanten Satz formuliert, wenn er 1886 schreibt: «Es sind schon viele Tierarten verschwunden; gesetzt, dass auch der Mensch verschwände, so würde nichts in der Welt fehlen.» Ein Satz, über den es sich lohnt nachzudenken.

Und die vom Club of Rome 1972 veröffentlichte Studie «Die Grenzen des Wachstums» hat davor gewarnt, dass der menschlichen Zivilisation nicht nur durch einen atomaren Krieg, sondern auch durch ungehemmtes Wirtschaften akute Gefahr, bis hin zu ihrer Vernichtung, droht.

Die Natur ist mächtiger als der Mensch

Trotz dieser Demontage menschlicher Vermessenheit bildet sich der heutige Mensch, dank der modernen Technik, weiterhin ein, die Natur in all ihren Facetten beherrschen zu können, Macht über sie zu haben. Dabei muss er zunehmend erleben, dass die Natur mächtiger als der Mensch, dass sie letztlich unberechenbar ist. Das hat sich in bisher nie da gewesener Form an der weltweiten Ausbreitung des neuen Coronavirus gezeigt.

Das hat auch eine positive Seite, so paradox es klingen mag. Die Einschränkungen, die wir uns über Wochen hinweg auferlegen mussten und teilweise weiterhin auferlegen müssen, könnten ein Umdenken bewirken, als dessen Ziel nicht der alleinige Drang nach Selbstverwirklichung, sondern vermehrt auch Selbstbescheidung stünde. Dieses Umdenken müsste mit der elementaren Einsicht beginnen, dass der menschlichen Machbarkeit der Welt Grenzen gesetzt sind, die wir, trotz aller Fortschrittsideologien, nicht überschreiten dürfen, wenn wir auf dieser Erde überleben wollen.