Kommentar

«Die Mitte» ist weich wie Watte: Warum die CVP mit dem Namenwechsel ein grosses Risiko eingeht

Mit dem Mut der Verzweiflung wirft Parteichef Gerhard Pfister das «C» über Bord. Das kann gut kommen, aber auch komplett schiefgehen. Entscheidend ist nicht, wie viele Leute eine Partei anspricht, sondern wie viele sie mobilisiert.

Patrik Müller
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Flauschig und konturenlos: «Die Mitte», ein Name wie Watte.

Flauschig und konturenlos: «Die Mitte», ein Name wie Watte.

Ausgerechnet unter Gerhard Pfister, dem konservativsten CVP-Präsidenten seit langer Zeit, verabschiedet sich die Partei vom «C» und tauft sich in «Die Mitte» um. Die Basis, die noch zustimmen muss, wird seine Pläne kaum durchkreuzen. Mit der alten Marke, argumentiert Pfister, komme man nicht über 11 Prozent Wähleranteil hinaus. Mit «Die Mitte» aber vergrössere sich das Potenzial auf 20 Prozent. Pfister stützt sich auf eine repräsentative Befragung.

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende».

Patrik Müller, Chefredaktor der «Schweiz am Wochenende».

Mag sein. Doch entscheidend ist bei Wahlen nicht das Potenzial, sondern die Fähigkeit, dieses auszuschöpfen: Die Mobilisierung. In den USA haben die Republikaner seit langem das kleinere Wählerpotenzial als die Demokraten. Trotzdem gelingt es den Republikanern immer wieder, in Wackelstaaten Mehrheiten zu gewinnen – weil ihre Basis «heisser» ist, enthusiastischer, eher zur Urne geht.

Mit «Die Mitte» spricht die Partei zwar viele Leute an. Die meisten, die nicht SVP oder Rot-Grün wählen, stehen irgendwie in der Mitte, also etwa 50 Prozent. Aber erstens tummeln sich dort viele Parteien, insbesondere FDP und GLP. Und zweitens führt eine Marke, die weich wie Watte ist, zu Beliebigkeit und Austauschbarkeit. Das hilft nicht bei der Mobilisierung.

«CVP» – das hat Konturen. Diese halten zwar manchen davon ab, die orange Liste in die Urne zu legen. Aber zugleich holen sie den treuen Kern höchst verlässlich ab, in guten wie in schlechten Zeiten. Diese Wähler muss die flauschige «Mitte» erst mal halten. Und dann obendrein neue gewinnen.

Vielleicht gelingt es – es wäre gut für die Schweiz, die ein starkes politisches Zentrum braucht. Vielleicht aber wird im Nahkampf die Watte nass, dann fällt sie in sich zusammen. Gerhard Pfister lässt sich auf ein grosses Wagnis ein. Er geht auf tutti. Mit dem Mut der Verzweiflung.

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