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Gastkommentar

«Die Opferzahlen bei Familiendramen sind höher als bei der so sehr gefürchteten Schweinegrippe»

Vor ein paar Tagen fand die Polizei in Affoltern am Albis vier Leichen in einem Wohnhaus. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Ehemann seine beiden Kinder und seine Frau umgebracht hat, bevor er sich selber tötete. Ein Gastkommentar von Walter Hollstein zu den sogenannten «erweiterten Suiziden».
Walter Hollstein
Walter Hollstein, em. Prof. für Soziologie, Gutachter des Europarates für Männerfragen; Autor von «Was vom Manne übrig blieb»

Walter Hollstein, em. Prof. für Soziologie, Gutachter des Europarates für Männerfragen; Autor von «Was vom Manne übrig blieb»

Die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von «erweitertem Suizid». Das verklärt den Tatbestand, dass es sich um Mord handelt: Familienmord.

Zieht man eine Verbindung zwischen der Häufigkeit der Familienmorde und der Einwohnerzahl, gehört die Schweiz bei diesem furchtbaren Delikt weltweit zu den Spitzenreitern. Familienmorde werden in den offiziellen Statistiken nicht als solche erfasst; insofern gibt es keine exakten Daten wie bei Morden, Verkehrsunfällen oder Suiziden. Auch wissenschaftlich ist der Familienmord bisher allenfalls rudimentär untersucht.

Beides bemängelt das Max-Planck-Institut in Berlin, das derzeit im Auftrag der Europäischen Union diesen Sonderfall von Tötung untersucht.

In der Schweiz hat Matthias Egger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern zum Familienmord gearbeitet. Im Fachblatt «PLOS One» berichtet Egger von 158 Todesfällen durch Tötungsdelikte in Familien zwischen 1991 und 2008. Wie er zu dieser Summierung kommt, erschliesst sich allerdings nicht aus seinem Bericht.

Macht man sich die Mühe, Zahlen aufgrund von lokalen Zeitungsberichten zu addieren, gelangt man zu erheblich höheren Werten. Danach geschah 2002 ein Familienmord im statistischen Mittel noch alle drei Wochen. Schon 2006 hatte sich der Abstand auf neun Tage verkürzt. Das sind zirka vierzig Familienmorde pro Jahr mit etwa 150 Toten.

Der Familienmord ist ein männliches Phänomen. In rund fünf Prozent der Fälle handelt es sich beim Familienmord um eine Art «Ehrenmord». Die Firma des Familienernährers muss Konkurs anmelden; unverantwortliches Konsumverhalten und hohe Schulden führen zur privaten Insolvenz oder Arbeitslosigkeit droht. Dann kann die traditionelle männliche Rolle von Schutz, Fürsorge und Lebenserhaltung nicht mehr erfüllt werden.

Aus der Optik der klassischen Ernährerrolle ist ein solcher Mord dann nur konsequent.

In rund 95 Prozent der Fälle ist der Auslöser des männlichen Familienmords die Ankündigung der Partnerin, das gemeinsame Leben nicht mehr fortsetzen zu wollen. Rekonstruiert man aus Zeugnissen von Angehörigen den Familienmord, so lässt sich folgende Geschehenskette entwickeln: Die Entscheidung der Partnerin, den bis anhin ahnungslosen Partner zu verlassen, löst bei diesem einen akuten Zustand der totalen Panik aus. Er wird von dem Gefühl übermannt, dass ihm der Lebensboden entzogen wird und dass er ohne seine Familie nicht mehr in dieser Welt sein kann. Plötzlich wird auch deutlich, dass die eigene Frau die einzige Anlaufstelle für Sorgen, Nöte, Trost und Geborgenheit gewesen ist. Ohne sie droht nicht nur die soziale Isolation, sondern das dunkle Loch von Verzweiflung, Angst und Alleinsein. In dieser Situation ist Mord offenbar «einfacher» als der schwierige Umgang mit Trennung und Schmerz.

Grundlegende Eigenschaften für private Beziehungen wie Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Nähe oder Dialogbereitschaft sind nach wie vor primär weiblich etikettiert; im männlichen Sozialisationsprozess kommt ihnen nur eine untergeordnete Rolle zu. Dementsprechend konzentrieren sich erwachsene Männer in Beziehungen auf das, was ihnen vermittelt wurde, was sie können und was nach dem traditionellen Verständnis der Gesellschaft zum männlichen Eigenschaftsprofil gehört. Sie versuchen, ihre Familie zu ernähren und opfern sich dabei manchmal auf; sie fühlen sich für die Dinge der Aussenwelt zuständig, sind ziel- und ergebnisorientiert.

Die Frau hat das Familienmonopol über das Gefühlvolle und speist damit auch den Mann. Sie ist sein emotionaler Lebensquell. Versiegt er, bricht beim Mann schlicht Panik aus.

«Männer werden ermuntert, sich zu behaupten, aber systematisch daran gehindert, ihre Emotionen auszudrücken und ihre Bindungsfähigkeit zu entfalten», notiert Terrence Real in seinem Buch über männliche Depressionen. Männer beziehen sich auf sich selbst und werden erzogen, in diesem Sinne autark zu leben; sie verkörpern das selbst-bezogene Geschlecht. Abgrenzung und Distanz sind männliche Tugenden; eben der Mythos des «lonely wolf».

Die Opferzahlen bei Familiendramen sind höher als bei der so sehr gefürchteten Schweinegrippe. Damals wurden Millionen vorbeugend für Impfstoffe ausgegeben, die dann gar nicht gebraucht wurden. Für die Prävention von Familienmorden hat noch keine politische oder soziale Institution Geldmittel zur Verfügung gestellt. Nicht einmal das Problem als solches ist erkannt. Das schreckliche Ereignis bewegt jeweils die Öffentlichkeit für ein paar Tage – vor allem dann, wenn auch Kinder zu den Opfern zählen. Dann gerät im Karussell der Aktualitäten wieder alles in Vergessenheit. Bis zur nächsten tragischen Paniktat.

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