Kommentar

Die Sicherheit beginnt im Dorf

Die Dorfpolizei in der Ostschweiz ist ein Auslaufmodell. Doch wenn Politiker die Bürgernähe ihrer Gesetzeshüter erhalten wollen, müssen sie die Polizeikorps auch personell stärken.

Michael Genova
Drucken
Teilen

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Michael Genova, Teamleiter «Ostschweiz am Sonntag»

Michael Genova, Teamleiter «Ostschweiz am Sonntag»

Die Gesetzeshüter verlassen die Dörfer. Bis Ende 2019 verschwinden in der Ostschweiz über 20 Prozent aller Polizeiposten. Zum grössten Einschnitt kommt es im Kanton Thurgau, wo 11 von 27 Dienststellen geschlossen werden. Auch im Kanton St.Gallen wurden in diesem Jahr zwei Posten aufgegeben. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es wegen des Spardrucks zu weiteren Schliessungen kommen wird.

Es ist unausweichlich, dass die Polizei ihre Strukturen anpasst. Andere haben dies längst getan. Die Hausärzte arbeiten in Gemeinschaftspraxen, die Poststelle wurde in den Dorfladen integriert, und im Gemeindehaus sitzt ein gut bezahlter Verwaltungsprofi. Es hilft nichts, am Mythos des tapferen Dorfpolizisten Wäckerli festzuhalten. Wenn die Menschen nicht mehr auf dem Posten vorbeikommen und Fahrraddiebstähle übers Internet melden, muss die Polizei sich eben neu erfinden. Sie muss sich auf die veränderten Lebensgewohnheiten der Bürger einstellen.

Man könnte nun argumentieren, dass die Ostschweizer Kantone ohnehin keine grösseren Sicherheitsprobleme haben. Ihre Kriminalitäts­raten gehören zu den tiefsten der Schweiz. Doch wenn ehemalige Dorfpolizisten künftig in regionale Polizeistationen umziehen, können sie sich keineswegs zurücklehnen. Es reicht nämlich nicht, Verbrechen erfolgreich zu bekämpfen. Die Menschen wollen sich auch sicher fühlen. Dazu gehört, dass ein Polizist vorbeikommt, wenn das Dorf wieder einmal von einer herbstlichen Einbruchswelle betroffen ist. Die Einwohner wollen jemanden, der ihre Ängste ernst nimmt. Damit die Polizei weiterhin der sprichwörtliche Freund und Helfer bleibt, muss sie bis in den letzten Weiler sichtbar sein, das Gespräch mit den Menschen suchen und so Vertrauen aufbauen.

Das ist keine einfache Aufgabe – und vor allem eine aufwendige. Zudem sind in den vergangenen Jahren neue Herausforderungen dazugekommen. Die Kantonspolizei soll nun auch komplizierte Internetverbrechen aufdecken oder frühzeitig potenzielle Extremisten erkennen. Dabei darf sie ihre klassischen Aufgaben nicht vernachlässigen. Wer heute den Verlust der Polizeiposten beklagt, sollte nicht vergessen, dass sichtbare Polizeipräsenz in den Dörfern etwas kostet.

Die Ostschweizer Kantone haben zwar die tiefste Kriminalitätsrate der Schweiz, sie haben aber auch die tiefste Polizeidichte. Wenn also Polizisten weiterhin zu Fuss durch Ostschweizer Dörfer patrouillieren sollen, müssen sich Kantonspolitiker bei der nächsten Budgetdebatte fragen, was ihnen die Bürgernähe wert ist. Auf den Abbau der Polizeiposten muss die Stärkung der Polizeikorps folgen.