Kolumne

Höhere Mathematik in der Arbeitsteilung:
Die Ungleichung

Wo die Gleichberechtigung in der Mathematik Platz findet. 

Barbara Inglin
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Damals, in der Primarschule, war das mit der Mathematik noch einfach. Und logisch. Da gab es zum Beispiel diese Aufgaben mit den Ist-grösser-als- und Ist-kleiner-als-Zeichen. 2 Äpfel < 3 Äpfel, hiess es dann etwa. Nach der Erweiterung des Zahlenraums wurde 80 Häuser < 100 Häuser daraus. Schliesslich leuchtete mir auch ein, dass 5000 Kinder > 4999 Kinder sind. Dreissig Jahre später wird mit anderen Vorzeichen gerechnet. 60 ist grösser als 80 heisst es jetzt plötzlich. Und zwar wenn es um die Arbeitsprozente geht, genauer um die Aufteilung von Erwerbs- und Kinderarbeit in unserer Familie.

Als Mutter zweier Kleinkinder arbeite ich in einem 60-Prozent-Pensum. «Schon noch viel», wird dies jeweils vom Gegenüber kommentiert, mal kritisch, mal abschätzig, mal auch bewundernd. Aber «viel» finden es alle, von der Vorkämpferin für die Gleichstellung bis zum konservativen Traditionalisten. Ich antworte dann jeweils, dass mein Mann zu 80 Prozent angestellt ist. Alsbald wird mein Mathematikverständnis jeweils auf die Probe gestellt.

«Super», «progressiv» und «modern» finden das die Leute. «80 ist grösser als 60», versuche ich dann einzuwenden. Es nützt nichts. «Mein Mann arbeitet mehr als ich», werde ich deutlicher. Umsonst. «Trotzdem», finden die Leute, «ist doch 60 Prozent recht viel.» Das ist höhere Mathematik, habe ich mittlerweile einsehen müssen. Denn die Leute sind nicht auf den Kopf gefallen. Sie gewichten blitzschnell und kehren so die Rechnung um. Ein Mami mit einem 60-Prozent-Job, das sind umgerechnet drei Arbeitstage im Büro plus Kindererziehung, Kinder in die Kita bringen, Kinder aus der Kita holen, kochen, putzen, waschen und Kinder betreuen, wenn sie krank sind. 80-Papi-Arbeitsprozent hingegen entsprechen vier Tagen am Schreibtisch und einem auf dem Spielplatz. Dass sich da die Arbeitslast zu meinen Ungunsten verschiebt, scheint klar.

Zum Glück verrechnen sich die lieben Leute aber gehörig. Denn in der Ungleichung (so werden die Ist-grösser-als-Aufgaben in der Mathematik genannt) hat sehr wohl auch etwas Gleichberechtigung Platz gefunden.

Barbara Inglin.

Barbara Inglin.