Gastkommentar

Wem gehört das Internet? Vielleicht den Menschen?

Die Infrastruktur des Internets sind viele tausend Kilometer von Kabeln. Und dazwischen die Computer, auf denen die Daten lagern, die wir abfragen. Wem gehören sie?

Susan Boos
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Susan Boos ist Redaktorin bei der Wochenzeitung und war von 2005 bis 2018 Chefredaktorin der WoZ. Ab 2021 ist sie Präsidentin des Schweizerischen Presserates.

Susan Boos ist Redaktorin bei der Wochenzeitung und war von 2005 bis 2018 Chefredaktorin der WoZ. Ab 2021 ist sie Präsidentin des Schweizerischen Presserates.

Wem gehört das Internet? Eine dieser fiesen Kinderfragen, die Erwachsene ins Schleudern bringen. Wie die Frage: Woher kommt der Mond? Er ist einfach da, wie das Internet auch. Stimmt nicht ganz, auch wenn es sich so anfühlt. Doch eins nach dem andern.

Um die erste Kinderfrage zu beantworten, stellt sich erst noch eine weitere Kinderfrage: Was ist das Internet?

Ein grosses Netz von Kabeln, das alle miteinander verbindet. Dazwischen sind grosse Computer platziert, auf denen eingelagert ist, was wir nutzen möchten – Computerspiele, die Filme von Netflix oder die Fotos vom Urlaub. Alles, was da gespeichert ist, hat eine Adresse. Statt Hugo Hasenfratz, Hafnerstrasse 4, Kreuzlingen, steht eine lange Abfolge von Zahlen. Aber Adresse ist Adresse, man wird den Hugo finden, wenn man sich durchfragt, weil es in Kreuzlingen nur eine Hafenstrasse 4 gibt. Jetzt kommt wieder die erste Kinderfrage ins Spiel. Wem gehören die Strassen, die zu Hugos Haus führen? Die Strasse, das wären die vielen langen Kabel, die unsere Daten transportieren. Gleich vor der Haustüre können wir noch erahnen, wem die Kabel gehören, weil wir ja schliesslich für den Anschluss bezahlen. Das sind zum Beispiel Swisscom, Sunrise oder UPC. Aber dann? Die Kabel, die in die weite Welt rausgehen und die Filme von Netflix oder Games wie Fortnite zu uns nach Hause befördern? Was ist mit denen?

Es gibt eine wunderbare Karte, die die weltweiten Adern des Netzes offenlegt, die «Global Internet Map».* Eine Weltkarte mit vielen bunten, Linien, die alle Kontinente verbinden. Jede Linie ein Seekabel.

Erst seit 1866 sind Europa und Amerika mit Kabel verbunden

Die Verlegung des ersten Kabels durch den Atlantik war Mitte des 19. Jahrhunderts ein mühsames Abenteuer. Die ersten Kabel rissen immer wieder oder die Isolation ging kaputt. Es schien am Anfang unmöglich, im Meer ein mehrere tausend Kilometer langes Kabel zu verlegen. Fast zehn Jahre lang wurde erfolglos geübt. 1866 gelang es dann endlich, Europa und die USA mit einem Unterseekabel zu verbinden, das hielt und zuverlässig Telegramme übertrug. Bis man über ein Unterseekabel telefonieren konnte, dauerte es dann nochmals sechzig Jahre.

Heute liegen viele dicke Kabel in den Meeren. Allein in den vergangenen vier Jahren wurde 400 000 Kilometer neue Unterseekabel verlegt. Das reicht, um die Welt zehnmal zu umrunden. Das Internet kommt eben nicht aus der Luft – so wenig wie das Benzin aus der Zapfsäule. Das Internet lebt von Kabeln und überwindet nur die letzten Meter über Wifi oder Mobilfunk.

Bis wurden rund 14 Milliarden Dollar investert

Gekostet haben die zehn Erdumrundungen etwa 14 Milliarden Dollar. Es sind vor allem Facebook, Microsoft, Amazon und Google, die da Geld reingesteckt haben. Ihnen gehören auch zum grossen Teil die Clouds, die grossen Rechner, auf denen das meiste digitale Zeugs liegt, das wir nutzen. China holt allerdings auf und mischt immer stärker im Kabel- wie im Geschäft mit.

Das gibt den Hauch einer Ahnung, wem das Internet gehört. Sicher nicht uns. Wir dürfen die Infrastruktur nutzen und zahlen mit Geld oder unseren Daten oder beidem. Kann man so machen, wirkt aber nicht wirklich beruhigend.

Es gibt einen Versuch, sich den Organismus Internet wieder anzueignen. Die französische und die deutsche Regierung haben gemeinsam das Internetprojekt Gaia-X gestartet. Sie wollen in den nächsten Jahren eine «vertrauenswürdige, souveräne, digitale Infrastruktur für Europa» aufbauen. Die Idee ist schön: Ein Internet, das den Menschen gehört. Vielleicht wird es nicht klappen. Aber solange es nicht gescheitert ist, soll man an die schöne Idee glauben.

Und wie war das jetzt mit dem Mond? Vor vielen, vielen Jahren streifte die Erde, als sie noch nicht ganz fertig war, einen kleinen Himmelskörper. Aus den Trümmern bildete sich dann der Mond, der seither treu um die Erde kreist.

* https://submarine-cable-map-2019.telegeography.com