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Gastkommentar

Eine Lektion beim Zahnarzt

Milena Moser
Milena Moser.Die Schriftstellerin zog 1998 für acht Jahre mit ihrer Familie in die USA, nach San Francisco. Sie kam zurück, wanderte aber 2015 wieder aus. Diesmal nach New Mexico.

Milena Moser.
Die Schriftstellerin zog 1998 für acht Jahre mit ihrer Familie in die USA, nach San Francisco. Sie kam zurück, wanderte aber 2015 wieder aus. Diesmal nach New Mexico.

Warum redet der Zahnarzt mit mir? Während er mit scharfem Gerät an meinen Zähnen kratzt? Erwartet er, dass ich mich am Gespräch beteilige? Offensichtlich, denn er stellt mir eine Frage. Und keine unkomplizierte: «Haben Sie schon einmal von diesem kontroversen Kapitel unserer Geschichte gehört, das wir den Vietnam-Krieg nannten?» Ich nicke vorsichtig. Ich will ja nicht, dass er mich verletzt. Und ich bin fast froh, dass ich nicht mehr als ein unverbindliches Krächzen hervorbringe.

Diese Frage hätte ich nicht ­erwartet. Ich weiss nicht viel über meinen ­Zahnarzt, obwohl ich ihn zuverlässig alle sechs Monate besuche. Er macht immer dieselben ­müden Witze über die Bedeutung der Zahnseide und ihre Benutzung, er trägt Cowboystiefel und Gürtel mit massiven Schnallen. Ich schätze ihn als Konservativen ein.

Damit liege ich falsch. Das passiert mir hier mit schöner Regelmässigkeit. Eine der Nebenwirkungen des Auswanderns ist, dass man seinen sozialen Kompass verliert. Man kann andere Menschen nicht mehr so schnell einordnen, man kann die Zeichen nicht richtig deuten. Der Akzent, die Ausdrucksweise und Wortwahl, die Art, wie sich jemand kleidet, das alles verliert an Bedeutung. Und das ist gut so. Denn vorschnelle Urteile sind noch nie jemandem gerecht geworden.

«Natürlich wissen Sie davon», fährt der ­Zahnarzt fort. «Sie sind Europäerin. Europäer sind gebildet.»

«Ich liebe Europa», mischt sich nun Consuelo, seine Assistentin ein. Und dann erzählt sie, dass sie in ihrer Jugend («ich sag Ihnen nicht, WIE lange das her ist!») einer Tanzgruppe angehörte, die die traditionellen Tänze ihres Pueblos auf der ganzen Welt vorführte.

Nein, eben nicht auf der ganzen Welt: in Europa. «Die Europäer haben ein echtes Interesse für unsere Kultur», sagt sie. «Sie haben uns überall mit dem grössten Respekt empfangen. Im Gegensatz zu den Amerikanern, die uns für rückständig halten.»

«Vielleicht schämen sie sich ja auch», gibt der (weisse, angelsächsische) Zahnarzt zu bedenken. «Geschichtsbewusstsein ist nicht gerade eine amerikanische Tugend!»

Sehen sich also beide, der Weisse und die ­­ Pueblo-Indianerin, nicht als Amerikaner? Oder nicht als «typische» Amerikaner, was immer das heisst?

Jetzt wünschte ich ­dringend, ich könnte Fragen stellen. Consuelo zählt die Länder auf, die sie besucht hat: «Dänemark, Griechenland, ­Schweden, Holland ...»

«Holland», mischt sich der Zahnarzt wieder ein. «Holland hat mir das Leben gerettet!» Und er erzählt, was ich nur aus Filmen kenne: sein Leben.

«Wenn Sie vom Vietnamkrieg gehört haben, dann wissen Sie auch, dass wir eine Einberufungslotterie hatten. Und da war dann mein Geburtsdatum dran. Legal konnte ich mich dem Marschbefehl nicht entziehen. Meine Eltern waren arm, ich kannte keinen Arzt, der mir ein Zeugnis schreiben würde, ich war noch nicht an der Uni, mir blieb nur die Flucht.» Durch ein Netzwerk von Sympathisanten lernte er ein holländisches Paar kennen. Der Mann war bereit, ihm sein Rückflugticket und seinen Pass zu überlassen und den dann später auf der Botschaft als verloren zu melden. «Da war ich schon untergetaucht.» Das Kriegsende wartete er in Amsterdam ab, wo er als Lagerist und Zügelmann arbeitete und «generell eine sehr gute Zeit hatte».

Ach, ich habe so viele Fragen: Wie er wieder nach Amerika zurückgekommen ist, warum er Zahnarzt geworden ist, ob er bestraft wurde, ins Gefängnis musste..., aber jetzt setzt mir Consuelo eine Schutzbrille auf und poliert meine Zähne mit einer widerlichen Paste. Und fragt mich, ob ich als Kind Karl May gelesen habe!

So sehr ich die amerikanische Art liebe, in jeder möglichen und unmöglichen Situation quasi aus dem Stand in die persönlichsten und tiefsten Themen einzutauchen, so gerne würde ich mich an diesem Gespräch auch ­beteiligen. Doch das geht nun einmal nicht. Ich grunze.

Consuelo errät meinen Einwand und wischt ihn mit einem Schütteln ihrer dichten, langen Stirnfransen weg. «Geschenkt», sagt sie. Egal wie falsch und verzerrt der Hochstapler-Autor ihr Volk dargestellt habe, er habe auch das Interesse von Generationen von Nordeuropäern an der indigenen Kultur geweckt. «Nirgends wurden wir besser behandelt als in Deutschland. Die haben einen echten Respekt vor uns. Und warum? Wegen Karl May.»

Ich verschlucke mich fast an meinen unausgesprochenen Worten. Doch als ich mir endlich den Mund spülen darf, sind wir schon wieder bei einem Thema, das mich deutlich weniger interessiert: den Vorzügen der Zahnseide.

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