Essay

Eine Situation wie die Corona-Krise gab es für uns (fast) alle noch nie – es ist eine neue Erfahrung

Das Corona-Virus löst Unsicherheit und ein mulmiges Gefühl aus – und macht es schwer, den Ernst der Lage zu erfassen. Ein Essay.

Sabine Altorfer
Hören
Drucken
Teilen
Schön und beängstigend zugleich: Ein weiter Platz und doch nur ein einziger Mensch; die Sonne scheint, die Fabrik arbeitet, aber wo ist das Leben? Giorgio de Chirico «I piaceri del poeta / Die Freuden des Dichters».

Schön und beängstigend zugleich: Ein weiter Platz und doch nur ein einziger Mensch; die Sonne scheint, die Fabrik arbeitet, aber wo ist das Leben? Giorgio de Chirico «I piaceri del poeta / Die Freuden des Dichters».

Bild: AKG-Images

Bin ich bedroht? Oder bin ich die Bedrohung? Das fragte ich mich gestern im Wald, als ich nach dem Home-Office einen Spaziergang machte und mir eine Frau entgegenkam, beim Kreuzen wichen wir an den Rand des Weges aus, schauten uns kurz an. Etwas misstrauisch. Habe ich schon eine Corona-Phobie oder war sie krankhaft ängstlich?

Nein! Wir beide wussten: Jede und jeder von uns kann das Virus bereits in sich tragen und ansteckend sein, ohne es zu wissen. Diese Unsicherheit, die ungewisse Dauer und der unbekannte Verlauf erzeugen das mulmige Gefühl im Bauch und die unbestimmte Angst im Nacken.

Die Verhaltensregeln sind klar, aber die Umsetzung hapert. Wir halten Distanz – und vergessen es bei der Kaffeemaschine im Büro wieder. Die Seniorinnen plaudern nach dem Einkaufen, rücken näher und näher zusammen – wie immer. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Gewohnheiten basieren auf Erfahrungen, aber in der Corona-Krise können wir auf keine bewährten Muster zurückgreifen. «Hast du schon etwas Ähnliches erlebt?», fragen Kollegen.

Sabine Altorfer

Sabine Altorfer

CHM

Nein. Ich bin 63 Jahre alt, habe das eine oder andere mitgemacht, aber eine solche dumpfe Bedrohung. Nein.

Landesweiter Notstand? Nein. 
Schulen und Läden zu? Nein. 
Gerichte pausieren? Nein.
Medikamente rationiert? Nein. 
Hamsterkäufe? Ja, aber harmloser. Radio-Appelle des Bundesrates? Nein.
Volle Intensivstationen? Nein. 
Teilmobilmachung? Nein. Davon erzählte einst mein Grossvater.

Ich grüble. Krisen? Ja, es gab sie.

Aber sie waren anders: harmloser, berechenbarer, kürzer – zumindest in der Erinnerung. In der Erdölkrise 1973 verordnete der Bundesrat an drei Sonntagen ein allgemeines Fahrverbot. War das ein Gaudi! Die Autobahnen und innerstädtischen Transitachsen wurden zu Rollschuh-, Spazier- und Velowegen zum Festplatz. Die Wirtschaft litt und der Glaube an den Fortschritt und die stete Verfügbarkeit von Öl war etwas angeknackst.

Unheimlicher ist mir die Tschernobyl-Katastrophe 1986 in Erinnerung. Zuerst dachte man: weit weg. Doch der Wind und die hohe Gefahr durch kleinste Mengen Radioaktivität liess die Angstkurve hochschnellen. Darf ich noch Salat essen? Ja keine Pilze! Ist Milch kontaminiert?

Mir brannten sich vom Reaktor-Unfall in der Ukraine zwei Erfahrungen ein: Am eigenen Salat wurde mir bewusst, wie nahe uns ferne Gefahren kommen können. Und: Am unheimlichsten sind Dinge, die man nicht sieht, nicht riecht, sind das Gift, die Strahlung oder die Schädlinge, die man nicht sofort spürt.

Der Börsencrash 1987 und das Platzen der Schweizer Immobilienblase lupfte einige kleinere Banken und Immobilienfirmen. Bei der Subprime Krise 2008 wurden die Banken gerettet, nicht nur mir raubte sie die Illusion auf Jobsicherheit, auf steten wirtschaftlichen Fortschritt und globale Verheissungen. Aber wir leben trotzdem gut und ziemlich sorglos, das Gesundheitssystem ist teuer, aber gut, der Notfall der Spitäler jederzeit offen.

Wir haben keine Erfahrung mit Epidemien. Die spanische Gruppe vor 100 Jahren mag vergleichbar sein, aber sie betraf unserer Urgrosseltern. Im kollektiven Gedächtnis ist sie längst vergessen. Erfahrungen sind aber die Basis unseres Handelns, Denkens und Fühlens: Fällt es uns deshalb so schwer, den Ernst der Lage zu erkennen und die Anweisungen zu befolgen?

Eine einzige vergleichbare Situation haben viele von uns noch erlebt. Den Ausbruch von Aids in den 1980er-Jahren. Das HIV-Virus war enorm gefährlich, weil es anfangs keine Medikamente und Therapien gab, die Sterblichkeit war enorm hoch. Das HIV-Virus wird nicht durch Tröpfchen, nicht durch ein Niesen übertragen, sondern beim – ungeschützten – Geschlechtsverkehr. Wer angesteckt war, hatte nach der landläufigen Vorstellung irgendwie unmoralisch gehandelt.

Aids holte man sich bei einem Seitensprung, bei Prostituierten oder als Drögeler an infizierten Spritzen. Genau diese Ursachen machten die HIV-Positiven in den Augen vieler zu negativen Menschen – sie auszugrenzen, fiel vielen leicht. Das Corona-Virus aber fragt nicht nach Moral. Wer hustet, kann den Brävsten treffen, wer sich die Hände nicht wäscht, kann es der liebsten Nachbarin vermachen. Das passiert oft, noch zu oft.

Halten wir uns an die Regeln! Sie sind nicht lustig wie das fröhliche Treiben auf den leeren Autobahnen 1973. Im Gegenteil. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das ist eine seiner Stärken und seiner sympathischsten Eigenheiten. Bei Bedrohungen rücken wir instinktiv und gerne zusammen. An 9/11 lud ich Freunde zum Abendessen ein, wir redeten über das Unfassbare – und konnten uns gemeinsam die Angst vor Terror von der Seele reden.

In der Corona-Krise aber heisst die Losung: sich abschotten. Das erträgt der Mensch schlecht. Als soziales Wesen braucht er Nähe und Geborgenheit. Social Distancing verlangt von uns nichts Geringeres, als Gewohnheiten und Vorlieben radikal zu ändern. Unser Hirn, unsere Vernunft muss das unserem Bauch und unserem Herzen beibringen. Dieser Lernprozess geht gemeinsam besser als einsam.

Der Mensch braucht Streicheleinheiten. Wenn sie – ausser in der eigenen Vier-Wände-Quarantäne – nicht physisch sein dürfen, sorgen wir doch für seelische Nähe auf Distanz. Gestern Nacht blinkte ein Nachbar vom Balkon aus eine Morse-Nachricht. Es geht auch einfacher: über das Telefon und die digitalen Kanäle. Wie wohltuend ist ein persönliches: Wie geht’s dir? Hast du Angst? Brauchst du Hilfe? Hier ist ein Tipp für Lektüre, ein cooles Fitness-Tool. Man kann sich sogar auf ein Online-Bier verabreden.

Was wird uns von der Corona-Krise in Erinnerung bleiben? Welche Erfahrungen kann jede und jeder von uns künftig abrufen? Wohl wie sich Unsicherheit und dumpfe Angst anfühlen, wie man sich die Hände richtig wäscht und was Quarantäne zu Hause heisst. Garantiert resultiert aus dieser Krise zudem ein versierterer Umgang mit digitalen Mitteln.

Online-Schulunterricht und Home-Office sind plötzlich möglich – vor zwei Wochen hätte ich das noch nicht geglaubt. Aber ich ahnte auch nicht, wie schnell ich persönliche Kontakte vermisse, wie wichtig sie sind. Auch das ist eine neue und gute Erfahrung.