Kommentar

Erstmals eine Frau an der Spitze: Nicht nur für die Reformierten ist dies eine historische Wahl

Skandale rund um Gottfried Locher haben die reformierte Kirche erschüttert. Dass nun Rita Famos als seine Nachfolgerin gewählt wird, ist ein gutes Zeichen. Sie setzt notwendige Gegenpunkte - in erster Linie inhaltlich, aber auch als erste Frau in diesem Amt. Ein Kommentar.

Lucien Fluri
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Dieser Montag wird allen Schweizer Kirchen als historischer Tag in Erinnerung bleiben: Erstmals führt nun eine Frau eine grosse Glaubensgemeinschaft. Die Reformierten haben an einer virtuellen Synode die Zürcher Pfarrerin Rita Famos zur höchsten Protestantin im Land gewählt. Neben ihr wurde gleich noch eine Vizepräsidentin eingesetzt und auch an der Spitze des Kirchenparlaments steht nun eine Frau.

Dass die Kirche (zumindest diese) jetzt endlich mit der Zeit geht, hat allerdings einen grossen Wermutstropfen: Der Fortschritt in den Führungsstrukturen war erst möglich, nachdem die männlichen Strukturen mit Lochers Abgang im Mark erschüttert worden sind. Die Kirche erlitt durch den Skandal rund um Locher und angebliche Grenzverletzungen (Details sind noch immer nicht bekannt) grossen Schaden. Jetzt setzte sie einen weiblichen, aber vor allem auch inhaltlichen Kontrapunkt. Dass sie hartnäckig und mutig für eine andere Kirche (und vor allem einen anderen Umgang) kämpft, hat Famos 2018 schon bewiesen: Aus Unmut über die Entwicklungen trat sie damals als Gegenkandidatin von Gottfried Locher an, obwohl die Erfolgsaussichten nicht besonders gross waren.

Positiv sind nun insbesondere die ersten Töne, die nun von der Kirchenspitze zu vernehmen sind: Rita Famos – eine fähige Seelsorgerin und Kommunikatorin - stellt den Dialog ins Zentrum und will den Ausgleich mit den verschiedenen Gruppen suchen. Statt Personen sollen Inhalte im Fokus stehen. Die Kirche soll sich zu gesellschaftlichen sowie ethischen Fragen äussern und nicht mit Interna für Schlagzeilen sorgen. Vor dem Hintergrund der Austritte und des gesellschaftlichen Wandels ist die Aufgabe schwer genug, dass die Kirche eine wichtige Stimme und Instanz bleibt. Skandale braucht es da nicht auch noch.