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Kommentar

Es braucht mehr Männer in der Kinderbetreuung

In einer St.Galler Kita hat ein männlicher Betreuer mutmasslich Kinder missbraucht. So tragisch dieser Einzelfall ist: Es wäre höchst bedauerlich, würden sich jetzt noch mehr Männer aus Berufen mit Kindern verabschieden.
Stefan Schmid
Stefan Schmid, Chefredaktor. (Bild: Benjamin Manser)

Stefan Schmid, Chefredaktor. (Bild: Benjamin Manser)

Es ist eine Horrorvorstellung für jede Mutter, jeden Vater: Die Tochter oder der Sohn wird von einem Betreuer, dem man das Kind in die Hände gegeben hat, sexuell missbraucht. Viele Eltern werden sich nach dem erschütternden Fall an einer Kindertagesstätte in der Stadt St Gallen fragen: Wie konnte das nur passieren? Warum hat niemand der anderen Betreuerinnen oder die Kita-Leitung etwas bemerkt? Gab es wirklich keine Anzeichen, die darauf hingedeutet hätten, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmte?

Auch wenn man es kaum verstehen will: Alle bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass die Kita-Leitung keine Schuld trifft. Sie hat im Gegenteil so transparent und offen wie möglich kommuniziert und sich der verängstigten Eltern angenommen. Dass der mutmassliche Täter je angestellt wurde und sich um die kleinen Knirpse kümmern durfte, ist nach heutigem Stand der Untersuchungen letztlich grosses Pech. Schreckliche Ereignisse lassen sich nie zu 100 Prozent ausschliessen. Abgründe und Störungen gehören zum Menschen wie das Wohlwollende, Gutgesinnte, Liebenswürdige. Mitunter fällt es schwer, hinter netten persönlichen Fassaden die Fratzen charakterlicher Niedertracht zu erkennen. Hinzuschauen ist unsere Pflicht. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir grundsätzlich misstrauisch sind und in jedem Raum eine Überwachungskamera installieren.

So tragisch das Geschehene für die betroffenen Familien ist: Wir sprechen zum Glück von einem traurigen Einzelfall. Es wäre falsch, von einem Übeltäter auf sämtliche – ohnehin rar gesäten – männlichen Betreuer zu schliessen. Nur acht Prozent aller Mitarbeiter in der familien- und schulergänzenden Betreuung sind schweizweit Männer. Sie stehen seit dieser Woche unter Generalverdacht. Das ist nachvollziehbar, aber unfair.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, wie wichtig der Einfluss beider Geschlechter auf die Entwicklung der Kinder ist. Wer ausschliesslich von Frauen aufgezogen oder betreut wird, erhält zwangsläufig einen einseitigen Eindruck vom Leben. Männer spielen anders, sie gehen unterschiedlich mit Konflikten und Problemen um, sie setzen andere Prioritäten. Das ist für kleine Menschen eine Bereicherung und per se keine Gefahr.

Männer sind schon heute in Berufen mit Kindern Ausnahmeerscheinungen – nicht nur in Kindertagesstätten. Auch in Kindergärten oder in Primarschulen sind Frauen weitgehend unter sich. Es kann unter Umständen Jahre dauern, bis Kinder erstmals mit männlichen Vorbildern konfrontiert werden – abgesehen vom eigenen Vater, Onkel oder Grossvater. Sollten Missbrauchsfälle wie jener von St. Gallen dazu beitragen, dass noch weniger Männer Lust haben, Berufe mit Kindern zu ergreifen, wäre dies aus pädagogischer Sicht bedauerlich. Das Gegenteil müsste uns als Gesellschaft interessieren: Wie schaffen wir es, dass mehr Männer sich für diese so wichtigen wie tendenziell unterbezahlten Berufe interessieren?

Männer, die in einer Kita oder einem Kindergarten arbeiten, dürften sich dieser Tage mit (noch) kritischeren Blicken von Eltern konfrontiert sehen, als dies normalerweise schon der Fall ist. Das ist leider unvermeidlich. Sie sollten das nicht persönlich nehmen. Ebenso wichtig ist aber auch, dass die Eltern gelassen bleiben und nicht hinter jedem männlichen Betreuer einen potenziellen Kinderschänder vermuten.

Von Bedeutung ist doch, dass wir eine Kultur des Hinsehens und der Teilnahme leben. Fragen Sie ihre Kita-Chefin, wie in ihrer Institution die Missbrauchsprävention funktioniert. Reden Sie mit ihren Kindern über den Alltag in der Krippe. Interesse zeigen, Fragen stellen, kritisch sein. Mehr können wir nicht tun. Vor allem aber sollten wir in dieser Diskussion eines nicht aus den Augen verlieren: Die meisten Übergriffe finden in der Familie statt. Es lohnt sich, gerade dort, wo man es am wenigsten vermutet, wachsam zu sein.

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