Analyse

Plötzlich wieder mehr als 200 Coronafälle pro Tag: Was bedeutet das?

Absolute Zahlen bei Covid-Neuansteckungen geben nicht immer zuverlässig Aufschluss über den Epidemieverlauf. Aber das Ansteigen der Fallzahlen Ende Juli sollte man nicht unterschätzen. Eine Einordnung unseres Wissenredaktors.

Christoph Bopp
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BAG-Direktor Pascal Strupler mahnt die Kantone.

BAG-Direktor Pascal Strupler mahnt die Kantone.

Bild: Anthony Anex/Keystone

Am 29. Juli überschritt die Zahl der Covid-19-Neuansteckungen in der Schweiz erstmals wieder die 200er-Schwelle. Und am Donnerstag (30. Juli) trat BAG-Direktor Pascal Strupler wieder selbst vor die Medien und empfahl den Kantonen und der Bevölkerung, «einen Gang höher zu schalten». Am Donnerstag waren es 220 laborbestätigte Neuansteckungen, am Freitag (31. Juli) 210.

Christoph Bopp.

Christoph Bopp.

Seit Mitte Mai und den Juni hindurch verharrten diese Zahlen im zwei- oder tiefen dreistelligen Bereich. Ende Juli stiegen die Zahlen wieder. Und zwar nicht nur die absoluten, sondern auch die Positivitätsrate (das Verhältnis der positiven zu allen durchgeführten Tests) und auch der 7-Tage-Vergleich ist im Steigen.

In letzter Zeit waren die Testzahlen ziemlich konstant. Die Positivitätsrate stieg auf rund 3 Prozent. Das lässt einigermassen zuverlässig darauf schliessen, dass die Epidemie noch nicht ausgestanden ist. Mit einigem Recht lässt sich ja sagen, dass die absoluten Fallzahlen nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Auch wenn die 200er-Grenze und ihr Überschreiten eine gewisse symbolische Wirkung auslösen können. Etwa so, wie wenn ein Börsenindex über 10'000 steigt oder eine Währung zu einer anderen Parität erreicht. Die Einen fühlen sich dann darin bestätigt, dass sich die Dinge bewegen (bei der Börse eher in einer wünschbaren Richtung); die Anderen fühlen sich herausgefordert und argumentieren, dass solche Zahlen nur als Relationen im Zusammenhang Sinn machen.

Dass die Fallzahlen jetzt wiederholt über 200 liegen, ist für sich genommen kein Anlass, die Situation zu dramatisieren. Aber dass sie im grossen Zusammenhang steigen, schon. Natürlich kommen jetzt die Leute aus den Ferien heim und bewegen sich auch sonst freier. Aber das Ende der Ferien rückt näher und dann fangen die Schulen wieder an. Und die Temperaturen werden irgendwann wieder sinken und sich das Leben wieder mehr nach drinnen bewegen. Strupler hat schon Recht. Nicht nachlassen, lieber einen Gang höher schalten.

Für das grosse Bild muss man sich immer bewusst sein, dass bei so niederen Fallzahlen zum Beispiel ein Superspreaderevent die Situation über Nacht verändern kann. Vielleicht haben wir auch zu schnell gelockert. Mittlerweile liegen wir nach dem Oxford COVID-19 Government Response Stringency Index bereits leicht unter Schweden. Der Berner Epidemiologe Christian Althaus zeigte das auf Twitter. Und sein Mathematiker-Kollege Adam Kucharski wies darauf hin, dass man - bei aller Vorsicht - vermuten könne, dass Länder, die schnell runtergekommen sind mit den Massnahmen mit einem kleinen Aufflackern zu kämpfen haben.

Rollt jetzt die zweite Welle an? Für eine zuverlässige Antwort scheint es noch zu früh. Man kann die gestiegenen Zahlen immer noch so erklären, dass es durchaus noch möglich ist, die Kontrolle zu behalten. Vielleicht sollten sich die Kantone aber die Empfehlungen des BAG zu Herzen nehmen.

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