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Kommentar

Festspiel-Verbot im Stiftsbezirk? Im Gegenteil: St.Gallens Heiligtum soll
lustvoller werden

Soll der Kanton die St.Galler Festspiele vom Klosterplatz verbannen, wie dies ein SVP-Kantonspolitiker fordert? Natürlich nicht. Es braucht einen Anlauf zur stilvollen Belebung des ganzen Stiftsbezirks.
Stefan Schmid
Stefan Schmid. Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT

Stefan Schmid. Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT

Der Wiler SVP-Kantonsrat Erwin Böhi sticht mit seiner Forderung in ein Wespennest: Die pompös inszenierten Festspiele auf dem St.Galler Klosterplatz, dem symbolträchtigsten Ort der Ostschweiz, müssen verschwinden. Auf der Wiese inmitten des von der Unesco zum Weltkulturerbe geadelten Stiftsbezirks sollen künftig keine kommerziellen Veranstaltungen mehr stattfinden dürfen.

Unterstützung erhält der SVP-Mann aus dem linken Lager. Der St.Galler SP-Stadtparlamentarier Gallus Hufenus stört sich an der Tatsache, dass auf der sakralen Wiese ein überteuerter Kulturanlass für eine gesellschaftliche Elite durchgeführt werden darf. Der Ort müsse für die ganze Gesellschaft zugänglich sein. Der Tourismusdirektor Thomas Kirchhofer hält die Diskussion derweil für «kleinkariert». St.Gallen brauche Veranstaltungen wie die Festspiele, die weit über die Stadt hinaus bekannt seien und die Wahrnehmung einer ganzen Region prägten.

Dass ein mit Steuergeldern mitfinanziertes Opern-Spektakel vor historischer Kulisse Anlass zu Kritik gibt, ist nachvollziehbar. Immerhin nehmen die Festspiele tatsächlich exklusiv und wochenlang die Szenerie vor den barocken Klostertürmen in Beschlag. Warum hat ein Klassik-Event, der sich primär an ein gut situiertes Publikum richtet und mit seinen Opern den Bogen zur Lokalität kaum (mehr) zu spannen vermag, ein Alleinnutzungsrecht für die Wiese?

Berechtigte Einwände. Bloss: Es wäre ein Kurzschluss, deshalb die Existenzberechtigung der Festspiele, die sich grosser Beliebtheit erfreuen und für die Ostschweiz einen touristischen Wert generieren, infrage zu stellen. Sie gehören zum Jahreskalender der Gallusstadt wie das am Dienstag stattfindende «New Orleans»-Festival, das Open Air im Sittertobel von Ende Juni oder das bierselige Stadtfest im August in den nördlichen Altstadtgassen.

Der Stiftsbezirk löst Emotionen aus. Das hat mit der Geschichte zu tun. Einst ein kulturelles Zentrum für ganz Europa, jahrhundertelang Sitz des Fürstabtes von St. Gallen, später Kristallisationspunkt des Kulturkampfes zwischen katholischem Kloster und reformierter Stadt. Heute wird der Klosterhof von unterschiedlichsten Gruppen genutzt. Er ist Durchgangsort für die Quartierbewohner, Zugangsweg zu Regierung, Justiz und Verwaltung des Kantons sowie Pausenraum für die in der Stadt Arbeitenden in einem. Der Klosterplatz ist also kein Ort der Stille, wo Grabesruhe herrschen muss.

Es stellt sich daher die Frage, warum der Ort nicht mit Augenmass für zusätzliche öffentliche Veranstaltungen – kommerzielle und nichtkommerzielle - genutzt werden darf. Die Stadt St.Gallen hat eine reiche Festtradition. Doch auf den beiden schönsten Plätzen der Stadt – dem Gallus- und dem Klosterplatz – herrscht meistens tote Hose. Das Glas Rotwein muss man weiter unten in der Altstadt trinken, wer eine Dose Bier auf der Klosterwiese öffnet, wird weggewiesen.

Selbstverständlich soll der Platz nicht zum Ballermann der Ostschweiz verkommen. Auch Beachvolleyball-Turniere oder Langlauf-Rennen, wie sie mitunter auf dem Berner Bundesplatz durchgeführt werden, braucht es dort nicht. Dennoch sollten Stadt und Kanton kreativer und lustvoller mit ihren schönsten Plätzen umgehen.

Kantonsrat Böhis Vorstoss ist natürlich nicht mehrheitsfähig. Es kann nicht darum gehen, den Festspielen den Strom abzudrehen. Die Provokation sollte im Gegenteil Ausganspunkt einer Diskussion sein, die mehr stilvolles Ambiente in diese Stadt bringt.

Gerade der Stiftsbezirk kann etwas Dynamik gut ertragen, vor allem im Sommer. Warum nicht einmal ein Kinderfest auf der Wiese organisieren? Oder dem Weiheren Openair Festival ein Gastrecht auf dem Gallusplatz gewähren? Deswegen stürzen die Klostertürme nicht ein. St. Gallen hat einen unverkrampfteren Umgang mit den geschichtsträchtigsten Orten der Stadt verdient.

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