Gastkommentar
Gemeinsam Lösungen finden statt zaudern

Die Schweiz war einmal eine Pionier-Nation. Das sollte sie wieder werden: Vorwärts zu Forschung, Handwerk und Industrie.

Thomas Kessler
Thomas Kessler
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Dafür war die Schweiz berühmt: Präzisionsinstrumente der Firma Kern AG, Aarau.

Dafür war die Schweiz berühmt: Präzisionsinstrumente der Firma Kern AG, Aarau.

Hans-Peter Baertschi

Krisen machen bekanntlich Stärken und Schwächen sichtbar. Die Schweiz bewältigt die Virusseuche wirtschaftlich vergleichsweise stark, im Management eher mittelprächtig und bezüglich dynamischer Innovation erstaunlich verknorzt. Im Life-Sciences-Top-Standort Schweiz, mit globalen Playern und fitten Start-ups, brauchte es über ein Jahr und viel Druck, um das riesige Potenzial offiziell zu würdigen und einzuschliessen. Man habe sich gegenüber anderen Ländern keine ungebührlichen Vorteile verschaffen wollen, ist zu hören. Der eigentlich naheliegende Gedanke, dass rasche Fortschritte durch enge Kooperation allen dienen, vorab den Kranken und Eingeschlossenen im In- und Ausland, dem Standort Schweiz und der raschen Wiederherstellung von normalen Verhältnissen, fehlte offenbar. Inzwischen hat Kuba zwei vielversprechende Impfstoffe in der Pipeline.

Es brauchte Krawalle, bis die besonderen Probleme der Jugend erkannt wurden. Die Jugendorganisationen und die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen weisen schon lange darauf hin, dass Jugendjahre in der Intensität und Bedeutung für das weitere Leben doppelt gezählt werden müssen. Begleitete Versuche für Jugendanlässe im Freien - mit ausgefeiltem Schutzkonzept - gab es keine. Eine Voraussetzung dafür wären schnelle und sichere Tests vor Ort, wie das beispielsweise am Flughafen Helsinki oder bei Emirates Air seit bald einem Jahr der Fall ist - mit zuverlässigen Covid Suchhunden, in Sekunden präzis wie ein PCR-Test, und sehr kostengünstig. Nach einem ganzen Jahr Prüfung der Zuständigkeiten, Rechtsgrundlagen, Konsultation diverser Ethikkommissionen etc. startet im Land der Hundevereine und ausgebildeten Polizei-, Militär-, Such- und Katastrophenhunde nun immerhin ein erster Versuch an der Universität Genf.

Obwohl im öffentlichen Dienst die allermeisten schaffig sind und nur das Beste wollen, festigt sich langsam das Bild einer abgehobenen Kaste. Die SRG liefert das Atmosphärische dazu, in den Nachrichten war von den Covid-Massnahmen der «Nachbar - (Pause) - innen» die Rede, gemeint waren die Nachbarländer Deutschland und Österreich. Gendern mag mehr oder weniger dringlich sein, die Holprigkeit wirkte kurios. In den grossen Ländern ist die Entfremdung zwischen abgesicherten Staatsfunktionen und in der Privatwirtschaft Tätigen seit langem ein ernstes Problem. Die Tendenz zur Zweiteilung der Gesellschaft zeigt sich auch in der Medienarbeit. In den Artikeln zur Lohngleichheit ist fast nur von Hochschulabsolventinnen die Rede, Mechanikerinnen und Mitarbeitende in der Logistik, Agronomie, Fleischverarbeitung, Bauwirtschaft, Kanalreinigung, Müllabfuhr, Grünraumpflege und im Sanitärwesen kommen kaum vor.

Umgekehrt geschieht ausserhalb der Schlagzeilen Erfreuliches, Start-ups mit Lösungsansätzen zu den dringenden ökologischen und medizinischen Herausforderungen spriessen. Im Wallis entsteht gerade ein neuer Cluster an innovativen Firmen in den Bereichen Biotechnologie, digitale Gesundheit und Umwelt, mit jungen Forscherinnen aus der ganzen Welt. Dazu gehört die kanadische Chemikerin Samantha Anderson, welche eine effiziente Technologie für das Recycling von Kunststoffen entwickelt hat und so einen Beitrag gegen die Plastikverschmutzung leistet.

Aus den Technischen Hochschulen EPFL und ETH sowie EMPA wachsen Start-ups der Spitzenklasse, unter anderen mit Technologien zur Herstellung von CO2-freiem Benzin oder Kerosin. Auf dem Flughafen Amsterdam stehen ihre Anlagen, weshalb nicht zuerst auf den Flugplätzen des Bundes, - und für die erste klimaneutrale Armee?

Es ist Zeit für die offizielle Schweiz, die Handbremse zu lösen und sich wieder ganz mit dem Pionierland Schweiz zu verbinden.

Thomas Kessler führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.