Gastkommentar
Schickt Corona die Frauen zurück an den Herd?

Pandemie und Lockdown reaktivieren für überholt geglaubte Rollenbilder. Ein Vorher-Nacher-Vergleich zeigt ein differenzierteres Bild.

Margrit Stamm
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Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Gründerin des Forschungsinstituts Swiss Education.

Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Gründerin des Forschungsinstituts Swiss Education.

Die Corona-Krise bringt es an den Tag: Die Hauptlast der Familienarbeit liegt auf den Müttern, während Väter die Brotverdiener bleiben. Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist traditioneller denn je.

Diese These wird durch manche Studie neu gefüttert. Doch so generalisierend formuliert ist sie ungenau. Das Bild der Pandemie bedingten Überlastung der Mütter verzerrt die tatsächliche Arbeit, die in Familien geleistet wird. Väter bleiben ausgeklammert, genauso die unterschiedlichen familiären Bedingungen. An solchen Verzerrungen sind auch wir Wissenschafterinnen und Wissenschafter beteiligt. Viele Untersuchungen basieren ausschliesslich auf Selbstauskünften, und meist bleibt ein Vorher-Nachher-Vergleich aus. Trotzdem tut man so, als handle es sich um gesicherte Erkenntnisse.

Tatsache ist: Schon vor Covid-19 war die Traditionalisierung der Familienarbeit eine Achillesferse der Gleichstellung. Frauen leisteten bis im Februar 2020 durchschnittlich zwei Drittel der Haus- und Familienarbeit, Männer einen Drittel. Um die Entwicklung von Rollenmustern in der Pandemie beurteilen zu können, ist ein Vorkrisenvergleich unabdingbar.

Männer legten nur prozentual mehr zu bei der Familienarbeit

Und dieser ist überraschend. Während des ersten Lockdowns – vom zweiten Lockdown sind noch keine Befunde verfügbar –, haben Mütter ihre Familienleistungen durchschnittlich um 20 Prozent erhöht, von 6.6 auf 7.9 Stunden pro Tag, Väter um 70 Prozent von 3.3 auf 5.6 Stunden. Differenziert betrachtet waren es vor allem gut gebildete, berufstätige Frauen, welche den Löwenanteil des Familienmanagements übernahmen – auch dann, wenn sie ähnlich engagiert wie ihre Partner waren. Auf sie bezogen kann die These bestätigt werden. Doch die Ergebnisse zum Engagement der Männer sind unerwartet. Es waren kaum die Akademiker, welche ihr Engagement deutlich steigerten, sondern eher solche mit einer beruflichen Ausbildung. Wer in Kurzarbeit oder von Geschäftsschliessungen betroffen war, leistete durchschnittlich täglich 8.1 Stunden Familienarbeit und damit etwa so viel wie die Mütter.

Arbeitet die Partnerin zudem in systemrelevanten Berufen – in der Schule, der Pflege oder in Dienstleistungsbetrieben –, ergab sich in solchen Familienkonstellationen oft ein Rollentausch, der Männern eine neue Autonomie und auch neue Erfahrungen ermöglichte. Logisch, könnte man entgegnen: Aus der Not kann man immer eine Tugend machen! Obwohl dieser Einwand berechtigt ist, erstaunt es, dass Väter in Kurzarbeit mit ihrer Situation am zufriedensten waren, Mütter in derselben Situation deutlich unzufriedener. Waren hingegen beide Partner zu Hause respektive im Homeoffice, trugen Mütter weiterhin die Hauptlast des Familienmanagements, allerdings deutlich weniger ausgeprägt als in Akademikerfamilien.

Männer haben den Wert der Fürsorgearbeit entdeckt und engagieren sich mehr

Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas auf die Geschlechtergerechtigkeit. Aber angesichts des aktuellen Erkenntnisstandes ist die generalisierende Behauptung falsch, Corona reaktiviere überholt geglaubte Rollenbilder. Das Glas kann man immer als halb leer oder als halb voll betrachten. Empirische Erkenntnisse, welche auf Vorkrisenvergleichen basieren, sprechen für das halbvolle Glas.

Die Corona-Krise kann auch eine Chance werden für beide Geschlechter und den Wandel der Rollenverhältnisse ankurbeln. Nicht wenige Männer haben den Wert der Fürsorgearbeit aus persönlicher Erfahrung erkannt, weshalb sie sich Schritt für Schritt zu einem höheren Engagement im Familienalltag entschliessen. Und auch manche Mutter entwickelt zunehmend die Bereitschaft, von ihren Standards abzurücken und dem Partner zu Hause mehr Autonomie einzuräumen. Wenn er die Spülmaschine so einräumen kann, wie er es für richtig hält oder den Kindern auch mal eine Fertigpizza vorsetzen darf ohne ihre Intervention – dann machen Paare einen kleinen, aber wichtigen Schritt in Richtung geschlechtergerechteres Haushalten.