Indianer in den Sommerlagern: Komiker Veri über «politisch korrektes Spielen»

Der Komiker Veri über die Abenteuer in den Sommerferien – anno dazumal und heute.

Thomas Lötscher alias Veri
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Veri

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Obwohl wir nach kurzer Verhandlung mit dem Häuptling – Thurgauer Dialekt – weiterwandern können, regt sich Fritz furchtbar auf. Wir sind im Raum Ruswil-Neuenkirch zwischen die Fronten geraten: Rechts des Waldweges schreien Cowboys, links lärmen Indianer lauter als die Kampfjets aus Emmen. Doch nicht der Krach, die Indianer regen Fritz auf. Das sei rassistisch. Aha. Der «Lagerdraht» dieser Zeitung ist voll davon: Rothenburger Cowgirls gegen Indianer, Gallier der Pfadi Neuenkirch gegen Römer und im Sörenberg kämpft die Jubla Oberkirch gegen Ausserirdische. Und damit sind nicht die japanischen Fische im Dorfweiher gemeint.

Die Hochdorfer trennen im gemeinsamen Lager auch mal nach Geschlechtern: Buben so Räuber und Bulle, Gruppenkampf, Fussball, Mädchen so Bändeli-Game, Theater, Tanzen. Und, Fritz? Sexistisch? JuBla Schweiz hat bereits 21 Konzepte zur Lagersicherheit. Kommen bald noch ein paar zum «politisch korrekten Spielen» dazu?

Ich war nie im Lager. Mit fünf Geschwistern und dem Condor-A680-Töff aus der Kriegszeit hatten wir 1970 genug Abenteuer. Mutter ermahnte den 14-jährigen Ältesten mit der 195-Kilo-Knatterkiste vorsichtig zu fahren, als sie mir auf den Beifahrersitz half. Was er auch getan habe, wie er später dem Hausarzt versicherte. Heutzutage reichten die Ferien kaum fürs Studium der Sicherheitskonzepte, die Kesb würde Mutter bevormunden und mein Bruder sässe den Rest der Ferien beim Schulpsychologen.

Fritz meint, die Geschichte glaube mir niemand. Die Zeiten ändern, Fritz. Wer wird deiner Enkelin in 50 Jahren glauben, dass man 2020 im Lager noch keine Masken trug?

Hinweis
Am Freitag äussern sich jeweils Gastkolumnisten und Redaktoren unserer Zeitung zu einem frei gewählten Thema.