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Gastkommentar

Kein Sprung, aber ein überschaubarer Schritt

Die Amazonas-Synode der Katholischen Kirche hat beschlossen, dass sogenannte «viri probati» (bewährte Männer) zu Priestern geweiht werden können, auch wenn sie verheiratet sind. Dies, weil in der Region Amazonien ein seelsorgerischer Notstand herrscht. Das ist noch nicht das Ende des Pflichtzölibats, aber vielleicht ein Anfang seines Endes. «Weitere Schritte müssen folgen», fordert der emeritierte Theologieprofessor Walter Kirchschläger.
Walter Kirchschläger
Walter Kirchschläger ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Universität Luzern.

Walter Kirchschläger ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Universität Luzern.

«Seht, ich mache alles neu» (Offb. 21,5). Ausgehend von diesem Bibelwort entwickelt das Synodendokument eine vielfältige Zukunftsperspektive. Sie steht unter der Leitidee einer umfassenden Umkehr, die in vier Bereichen thematisch entwickelt wird. Es geht also um eine conversio, ein Um- oder Neudenken in der Pastoral, in der Kultur, der Ökologie und in einem synodalen Vorgehen.
Dieser breite Ansatz entspricht dem Anliegen, die Kirche in die Welt von heute hinein zu stellen und dort den Herausforderungen der Zeit zu begegnen. Johannes XXIII. sprach von der Achtsamkeit auf die Zeichen der Zeit und der Methode des Aggiornamento. Er hatte der Kirche vor jetzt bald 60 Jahren die Vision von einem «Sprung nach vorwärts» mitgegeben.

Es geht also um mehr als eine innerkirchliche Nabelschau.

Das Dokument vermittelt einen engagierten Einblick in die Realität, in die Hoffnungen und Nöte einer Weltregion, deren Bedeutung uns erst die Klimaentwicklung der Erde etwas näher gebracht hat. Dabei an Solidarität zu denken, wäre vermutlich zu früh. Gerade darin ist eine katholische (also umfassende) Kirche gefordert. In der Bestandsaufnahme wird der Finger neben anderen Akzenten vor allem auf die Not der Seelsorge gelegt, die angesichts der Personalsituation bisher nur eine Pastoral der fallweisen Anwesenheit («pastoral de visita» n. 39) sein kann. Hier muss nach Abhilfe gesucht werden.
Vor allem in diesem Punkt waren die Erwartungen gross.

Schon vor der Amazonas-Synode wurde allerdings auch beschwichtigt. Ihre Bedeutung für eine Problemlösung der Weltkirche wurde kleingeredet – so als könnte frau oder man so einfach verhindern, dass hier ein Fuss in die Tür gestellt wird. Natürlich, es geht um Inhalte, nicht um Strukturen; aber wie soll eine Kirche in der Welt von heute glaubwürdig sein, wenn sie ihr eigenes Haus nicht ordentlich bestellt hat?

Was während der Synode durchgesickert ist, machte zumindest nicht mutlos.

Alle 120 Abschnitte des Schlussdokuments fanden die notwendige Zweidrittelmehrheit. Das ist eine gute Botschaft. Freilich geht sie auf Kosten von Entschlossenheit und Erneuerungswillen. So bleibt es bei einem überschaubaren Schritt, ein «Sprung nach vorwärts» lässt noch auf sich warten. Zündende theologische Leitideen werden vermisst, bleiben also dem Nachsynodalen Schreiben vorbehalten, das der Bischof von Rom verfassen wird.

So hat – frei nach Horaz – der Berg nur eine Maus geboren (ars poetica 139): Verheiratete Diakone können Priester werden, und über den Diakonat für Frauen wird neu nachgedacht. Zumindest das Postulat für gleiche Ämter von Mann und Frau ist ausgesprochen (n. 95). Bleibt zu hoffen, dass die Idee eines Sonderritus für Amazonien nicht dazu instrumentalisiert wird, für die Weltkirche jede Beispielsfolge auszuschliessen.

Das klingt nicht unbedingt nach einem grossem Wurf, der Dynamik auslöst. Zu vieles bleibt offen: Eine zügige Umsetzung drängt – ist es doch tatsächlich schon «fünf nach zwölf» (Martin Werlen). Warum erneut die Frauen in der zweiten Reihe, obwohl sie das Überleben der Kirche (nicht nur) in Amazonien gewährleisten? Warum ein bisschen Löcher stopfen, wenn doch der Staudamm neu gebaut gehört? Sind das alles nicht nur Notmassnahmen?

Gegen die Versuchung der Unzufriedenheit muss in Erinnerung gerufen werden: Die Synode hätte, was Kirchenreform betrifft, auch eine Nullrunde werden können.

Die Erneuerung der Option für die Armen in einem Akt der Selbstverpflichtung zahlreicher Bischöfe («Katakombenpakt») gab ein deutliches Signal einer neuen Entschlossenheit. So ist zumindest gelungen, was durch Jahrzehnte vergeblich gefordert wurde: Die Bedingungen für das (Priester-)Amt bleiben nicht in Stein gemeisselt. Das ist sehr gut.

Jetzt müssen weitere Schritte folgen, andere pastorale Notstandsgebiete müssen Druck machen. Wer wollte leugnen, dass das deutschsprachige Europa zumindest dazu gehört? Das Glas ist nicht leer. Aber es hat noch ziemlich Platz.

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