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Kommentar

Klimastreik: Ein Tolggen im Zeugnis ist eine Auszeichnung

Am Freitag streikten Kantischülerinnen und Schüler zum dritten Mal. Sie erhalten nun einen Eintrag im Zeugnis. Für jene, die sich inbrünstig eine andere Klimapolitik wünschen, muss sich dies wie eine Auszeichnung anfühlen.
Marlen Hämmerli
Marlen Hämmerli (Bild: Urs Bucher)

Marlen Hämmerli (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Kommentar aus der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Jahrelang beklagten sich viele, die Jugend sei unpolitisch, zu angepasst und desinteressiert. Dann bleiben Schülerinnen und Schüler dem Unterricht fern, um für eine andere Klimapolitik zu demonstrieren, auch im Kanton St.Gallen. Erst zeigen sich Schulen und Bildungsdepartement tolerant. Doch dann gehen immer mehr Junge auf die Strasse. Rund 350 Schüler der Kantonsschulen Wil und Wattwil sowie der Fachhochschule St.Gallen ziehen durch die Gallusstadt. Nun verschärft das Bildungsdepartement die Absenzenregel. Wer fehlt, erhält eine unentschuldigte Absenz, also einen Eintrag im Zeugnis. Statt das Engagement zu fördern, bestraft das Bildungsdepartement die Schüler. Das scheint absurd, auch weil politische Bildung Teil des Lehrauftrags ist.

Aus Sicht des Bildungsdepartements ist das Vorgehen allerdings nachvollziehbar. In der Schule gilt Präsenzpflicht. Das verfassungsmässige Streikrecht bezieht sich explizit auf Arbeitnehmer. Fehlt ein Schüler, weil er demonstriert, ist das eine unentschuldigte Absenz. Setzten die Schulen das nicht durch, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit. Sie sollten sich nun aber nicht wundern, wenn diese Regel die Streiks anheizt. Denn nun erscheint das Engagement der Schüler glaubwürdiger. An den Streiks nehmen nur noch jene teil, die sich inbrünstig eine andere Klimapolitik wünschen. Für sie muss sich der Tolggen im Zeugnis wie eine Auszeichnung anfühlen.

Die FDP fürchtet derweil, Juso und Junge Grüne könnten die Schüler für ihren Wahlkampf aus­nützen. Das wird in einem Vorstoss deutlich. Vizefraktionspräsident Walter Locher sieht den Klimastreik als «orchestriert durch eine nationale politische Kampagne». Doch die Schüler werden nicht ausgenutzt; sie übernehmen Verantwortung, und das nicht zum ersten Mal. Schon 2012 demonstrierten St.Galler Schüler vor dem Regierungsgebäude, damals gegen Sparmassnahmen. Eine aktuelle Studie der Phädagogischen Hochschule St.Gallen belegt zudem, dass 44 Prozent der Sek- und Realschüler politisch interessiert sind.

Verantwortung übernehmen die Jungen auch, was die Schule anbelangt. Die nächste Demonstration findet an einem Samstag statt. Das ermöglicht auch Lehrlingen, teilzunehmen. Für sie gilt zwar das Streikrecht, doch befinden sie sich als Aus­zubildende in einer schwachen Position. Zudem können nun auch jene Schüler demonstrieren, die teilhaben, aber nicht schwänzen wollen. Die Teilnehmerzahl dürfte vorerst steigen. Doch ist fraglich, wie lange die Jungen durchhalten. Streiken sie samstags, erregt das weniger Aufmerksamkeit. Irgendwann werden die Demonstranten weniger. Ihre Anliegen könnten versanden. Dass aber die Jungen in einem Wahljahr demonstrieren, ist schlau. Besser als die erfahrenen Politiker haben sie es verstanden, bereits Anfang Jahr ein Thema zu setzen.

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