Kolumne
Auf den Schlips des sexuellen Egos getreten

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: das verletzte Ego, das nicht feministisch, sondern in vielen Fällen ziemlich männlich ist.

Maria Brehmer
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«Es um ein Vielfaches einfacher, an die Eigenverantwortung zu appellieren, anstatt ein System zu verändern, das sich als sexistisch entlarvt.»

«Es um ein Vielfaches einfacher, an die Eigenverantwortung zu appellieren, anstatt ein System zu verändern, das sich als sexistisch entlarvt.»

Foto: Sandra Ardizzone

Auf Instagram veröffentlichte ich einmal ein Bild, auf dem ich nackt in einem Pool sitze. Dass auf dem Foto mein Körper fast ganz von spiegelndem Wasser verdeckt ist, bewahrte mich nicht davor, dass es als Verstoss gegen geltende Regeln verstanden wurde.

Wer aneckt, ist selbst schuld

In einer Solothurner Fasnachtszeitung, herausgegeben von ein paar Männern, flankierte man mein Foto mit «Wassermelonen zum Selberpflücken» und anderen diskussionsunwürdigen Sprüchen. Ein Vertreter der regionalen Politik sowie ein lokaler Journalist kommentierten daraufhin, ich hätte mit meiner «leidenschaftlichen Provoziererei» nichts anderes zu erwarten gehabt.

Feministinnen erkennen die öffent­liche, sexistische Diffamierung von Frauen seit jeher als einen schmerzhaften Auswuchs des Patriarchats, dessen Wunsch es ist, die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen kleinzuhalten.

Dass noch immer die Ansicht existiert, sich als Frau vornehm zurücknehmen zu müssen, um keine Vorwürfe auf sich zu ziehen, zeigt auch das Beispiel des «Frauenratgebers» der St. Galler Kantonspolizei. In ihm wird den Frauen nahegelegt, zur eigenen Sicherheit vor dem Nachhauseweg im Dunkeln nicht zu viel zu trinken, um auf allfällige Übergriffe von Männern besser reagieren zu können. Er wurde vom Netz genommen.

Wir halten unsere Gesellschaft für liberal und tolerant

Wer feministisch argumentiert, stösst auf Gegenwehr, denn wir halten unsere Gesellschaft für liberal und tolerant. Unter dieser Prämisse ist es um ein Vielfaches einfacher, an die Eigenverantwortung zu appellieren, anstatt ein System zu verändern, das sich als sexistisch entlarvt.

Darum schreibe ich heute über das verletzte Ego. Das ist nicht feministisch. Sondern in vielen Fällen ziemlich männlich. So spielt das verletzte männliche Ego auch in der Fas­nachts­zei­tungs­geschich­te eine Rolle.

Ja, da hat einer mal ein Ja von mir erwartet und stattdessen eine Zurückweisung erhalten. Öffentliche Herabwürdigung als Folge meines Neins. Ausgleichende Gerechtigkeit? Wohl kaum.

Wer trägt welche Verantwortung?

Alle Männer, die mich je beschimpften oder anderweitig zu erniedrigen versuchten, handelten aus verletztem Stolz. So wurde auf der Strasse hinter mir auf den Boden gespuckt, als ich auf einen Anmachspruch nicht reagierte. Ich habe auf von mir unbeantwortete Nachrichten von Fremden fast ausschliesslich beleidigende Reaktionen erhalten. Ich wurde im Bett unangenehm grob angefasst, weil ein Mann keine Erektion bekam und er «so vielleicht doch noch scharf wird».

Ich hätte noch mehr Beispiele. Dass ich im Vergleich zu anderen Frauen eher harmlose Fälle erlebt habe, beruhigt mich nicht. Müssen wir wirklich darüber diskutieren, wer welche Verantwortung trägt?

Wer mir jetzt vorwirft, ich würde auf Negatives, das ich mit Männern erlebt habe, einigermassen eingeschnappt reagieren, dem gebe ich recht. Denn auch ich habe ein Ego. Eigenverantwortlich ist, es in den Griff zu bekommen.