Kolumne "Schnee von gestern"
Der Sandsturm und ein leeres Abteil

Auch scheinbare Nichtigkeiten wie ein zu trockenes Gebäck können Dramen auslösen, wie Autor Hans Graber im Bus erfahren hat.

Hans Graber
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Die Frau, etwa 38, ist mir schon beim Warten auf den Bus aufgefallen. Vielleicht, weil ihre Maske die Nase nicht bedeckte. Das sieht man sonst praktisch nur bei Männern. Weshalb sie die Nase frei lassen, kann man nur vermuten. Atemprobleme? Ein kleiner Protest gegen die Maskentragepflicht und den Gesamtbundesrat? Chronische Nachlässigkeit? Provokation der Mitpassagiere? Betontes Anderssein? Ich kann alle Möglichkeiten nachvollziehen, trotzdem sieht eine freie Nase halt stets etwas deppert aus, weil der Zinken dadurch überbetont wird. Ohne gleichzeitig sichtbaren Mund führt das zu Ähnlichkeiten mit einem Tapir, einem jener Geschöpfe, bei denen der liebe Gott nicht unbedingt ein feines Händchen hatte.

Obwohl der Schutzeffekt in etwa derselbe wäre, ist mir noch nie jemand begegnet, der mit der Maske die Nase verhüllt, aber den Mund frei lässt. Ich würde der Person ein Getränk nach Wahl spendieren.

Im Bus zog die Frau die Maske dann bald bis zur Kinnlade hinunter. Zum Essen. Aus der Tasche holte sie ein in Zellophan gewickeltes Stück Kuchen, in der Art eines Gugelhupfs. Sie packte es aus, biss beherzt hinein und kaute drauflos. Es zog sich länger hin, bis der Brocken unten war, woraus man jedoch noch nicht schliessen konnte, dass der Kuchen ziemlich trocken war. Beim ersten Bissen geht es ja häufig etwas zäher, egal, was es ist. Ebenso beim ersten Schluck. Ich kenne das vom Bier. Am ersten Schluck würge ich manchmal ein wenig herum, was sich aber jeweils schnell legt. Ab dem Zweiten läuft’s dann wie geschmiert.

Beim zweiten Bissen ging es bei der Frau aber nicht besser. Im Gegenteil. Der Gugelhupf machte ihr zu schaffen. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Gebäck. Sie faltete das zerknüllte Cellophan auseinander, prüfte die Etikette – und griff zum Handy. Aus den nun folgenden und nicht im Flüsterton vorgetragenen Worten war zu schliessen, dass die Frau jene Bäckerei anrief, wo sie den Kuchen an diesem Nachmittag gekauft hatte. Auf der Etikette stehe «zu konsumieren bis 12. April», heute aber sei der 15., sagte sie und fragte, ob sie das angebissene Stück zurückbringen könne und dafür ein frisches erhalte. Die Frage wurde anscheinend ohne viel Federlesens bejaht.

Mmmm, Kuchen. Doch ist dieser schon alt, kann sich das wie ein Sandsturm im Mund anfühlen.

Mmmm, Kuchen. Doch ist dieser schon alt, kann sich das wie ein Sandsturm im Mund anfühlen.

Bild: Fotolia

Rechtsumkehrt konnte oder wollte die Frau aber nicht sofort machen, sie habe einen Termin im Schönbühl hinten, sagte sie ins Telefon, und geriet nun vollends ins Dilemma. Das Problem sei, dass sie gerade jetzt furchtbar Hunger habe und willens sei, das Stück Gugelhupf trotz Data-bedingter Staubtrockenheit gleichwohl zu verspeisen. Aber dann hätte sie das Beweisstück nicht mehr zu Hand, was eventuell den Umtausch erschweren könnte. «Was söll i mache?», rief sie leicht verzweifelt ins Telefon. Mehrfach. Auch ich fühlte mich angesprochen. Leider hatte ich aber nicht den Fiduz, sie zum hemmungslosen Verzehr des Sandsturms zu ermuntern und mich notfalls als Zeugen anzubieten, falls ihr die Bäckerei die Geschichte nicht abnehmen sollte.

Gerne wüsste ich, wie die Geschichte weitergegangen ist. Doch ich musste aussteigen, machte mir aber – halb amüsiert, halb beelendet – noch länger Gedanken über solche Sorgen, die im Grunde ja völlig nichtig sind, einem aber halt trotzdem nahegehen.

Diese Woche kaufte ich beim Grossverteiler ein Pack Guetzli. So ein längliches mit Abteilen, in welchen die Guetzli paarweise untergebracht sind. Man sieht erst nach dem Öffnen der inneren Verpackung, was drin ist. Oder auch nicht. Jedenfalls: Das erste Abteil war leer. Ausgeschlossen ist, dass eine hungrige Frau etwas rausstibitzt hat. Dann wäre die Verpackung aufgerissen gewesen. War sie aber nicht. Vermutlich ein Fabrikationsfehler, der geschätzt im Verhältnis 1:1000000 auftritt. Dass es ausgerechnet mich trifft, erstaunt mich nur wenig, führt aber nun meinerseits zu einem Dilemma. Wenn ich die Packung zurückbringe und sage, im ersten Abteil sei nichts drin gewesen, wird man mir im Laden entweder die Geschichte nicht glauben, oder aber man glaubt sie, wird aber sicher denken, dass ich ein ausgesprochener Kleingeist und Kleinkrämer sei. Um es mit der Gugelhupf-Frau zu sagen: «Was söll i mache?»

Ich glaube, ich mache nichts und fresse alles in mich hinein. Zumindest das, was noch in der Packung drin ist.