Kolumne «Schnee von gestern»
Die blau-weisse Sternstunde oder jeder spinnt auf seine Weise

Autor Hans Graber kann jeweils nicht zuschauen, wenn der FCL spielt. Den Cupfinal am Montag verbrachte er daher mit Bob Dylan.

Hans Graber
Hans Graber
Merken
Drucken
Teilen

In einer Akte des seinerzeitigen Berufsberaters Herrn Wullschleger steht es schwarz auf weiss: «Berufswunsch Hans Graber: Fussballreporter.» Dazu fehlte es mir aber am geschliffenen Mundwerk. Ich finde bis heute im entscheidenden Moment die passenden Worte nur schwer, häufig gar keine. Für einen Reporter nicht ideal. Hinzu kämen die fehlende Neutralität und das dünne Nervenkostüm.

Ich hätte keinen Match kommentieren können, ohne Partei zu ergreifen, die missliebige Mannschaft primitiv zu verunglimpfen und dem Schiedsrichter die Pest an den Hals zu wünschen. Und bei sehr starker emotionaler Beteiligung hätte ich vor lauter Nervenflattern gar nicht erst zuschauen können. Ich war in jungen Jahren schreibender Fussballjournalist und musste über Spiele meines vergötterten Amateurvereins (2. und 3. Liga) im Heimatstädtchen berichten. Heute kann ich’s ja sagen: Ich habe lange Texte über Matches verfasst, von denen ich keine Minute gesehen hatte. Den zuverlässigen Informanten von damals ein später Dank!

Gleich hinter meinem Heimatklub kommt der FC Luzern. Auch da: Ich kann nicht zuschauen, wenn er spielt, weder im Stadion noch am TV. Ich will während der 90 Minuten auch nicht wissen, wie es steht. Bei extrem wichtigen Partien schotte ich mich ganz von der Aussenwelt ab. So auch am Pfingstmontag während des Cupfinals. Meine Angehörigen können diese Macke zwar nicht verstehen (ich auch nicht recht), sie haben sich aber daran gewöhnt und nehmen Rücksicht. Am Montagmittag um 15 Uhr ging meine Frau mit ihrer Freundin Kaffee trinken. Ich hatte mir zu Hause eine blau-weisse FCL-Trainerjacke übergestreift, trug blau-weisse Ringelsocken und versuchte, mich abzulenken, das iPhone auf «Flugmodus» geschaltet.

Musikhören ging. Ich stöpselte die Kopfhörer rein. Bob Dylan. Volles Volumen. Dylan wurde am letzten Montag 80. Er begleitet mich seit den Sechzigern. Eine Tonspur meines Lebens. Ich verehre Dylan, obwohl (oder weil?) ich nie so genau weiss, was er mir eigentlich sagen will. Manchmal mag ich ihn jedoch nicht original hören, so auch am letzten Montag. Aber es gibt zwei neue Alben mit wunderbaren Coverversionen, eines von Chrissie Hynde, eines von 14 Interpreten. Beide Alben dauern je rund 45 Minuten. Eine Fussball-Halbzeit. Die Pause überbrückte ich mit Wiederholungen. Um 16.51 Uhr setzte ich mich auf den Balkon, immer noch mit Musik im Ohr. Ich hatte mit mir Frieden geschlossen und mich mit der Niederlage abgefunden. Die alte Leier. Aber es gibt doch viel anderes als nur diesen blöden Fussball.

Das letzte Lied («Love Minus Zero / No Limits») klang aus. Totenstille? Nein, ich nahm Geräusche von der Strasse, vom nahen Zentrum wahr. Es waren – Böller. Feuerwerk. Immer mehr. Luzern hatte gewonnen. Nach 29 Jahren wieder mal ein Pokal für die Vitrine. Bravo! Hopp Lozärn!

Feiernde FCL-Fans beim Vögeligärtli.

Feiernde FCL-Fans beim Vögeligärtli.

Bild: Luzerner Zeitung (Luzern, 24. Mai 2021)

Nur, falls es wieder so lange dauert bis zum nächsten Kübel, ginge ich dann schon bedrohlich auf die 100 zu. Wenn überhaupt, sicher im Pflegeheim, schwieriger Bewohner, noch seltsamer geworden. Musik zur Abschottung während des Cupfinals wäre nicht nötig. Hörgerät ausschalten reicht. Die Urenkel würden die Heimleiterin vielleicht bitten, im Falle eines Sieges nicht gerade Pyros abzufackeln, aber in meiner Nähe immerhin ein paar bengalische Streichhölzer. «LUZERN HAT GEWONNEN, HERR GRABER!!», würde die Betreuerin schreien. Mehrfach. Ob ich es schnallen würde? Eher nicht ganz. Womöglich wäre es doch besser gewesen, wenn «wir» am Montag verloren hätten. Dieses Gefühl ist mir seit jeher bestens vertraut.