Kommentar
Brüssel soll Bogen nicht überspannen

Remo Hess, Brüssel
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Brexit-Minister David Davis (links) und EU-Verhandlungsführer Michel Barnier haben sich am Montag in Brüssel über den Fahrplan der Brexit-Verhandlungen geeinigt.

Brexit-Minister David Davis (links) und EU-Verhandlungsführer Michel Barnier haben sich am Montag in Brüssel über den Fahrplan der Brexit-Verhandlungen geeinigt.

KEYSTONE/EPA/STEPHANIE LECOCQ

Heute trafen sich die «Scheidungsanwälte» ein erstes Mal, um die Trennung des Vereinigten Königreichs von der Europäischen Union einzuleiten. Während eines Jahres lebte man zwar noch im gemeinsamen Haus, doch ist die gegenseitige Entfremdung bereits weit fortgeschritten. Niemand zweifelt mehr daran, dass der Abschied endgültig sein wird. Nun geht es darum, einen Schlussstrich zu ziehen und den gefürchteten Rosenkrieg zu vermeiden. Doch wie
bei jeder Trennung ist das nicht ganz einfach.

Die EU fühlt sich verlassen, ja geradezu betrogen und will, dass jedermann das erfährt. Deshalb verpflichtet sich EU-Chefverhandler Michel Barnier zur grösstmöglichen Transparenz und will die Dokumente zum Verhandlungsfortschritt regelmässig publizieren. In den Augen Londons muss die dreckige Wäsche allerdings nicht in aller Öffentlichkeit gewaschen werden. Ja, man hat den Partner verletzt. Und nein, man kann das nicht wieder rückgängig machen. Schlussmachen ist nie angenehm, und Grossbritannien will nun verständlicherweise nach vorne schauen. Auf der Insel stimmen zudem immer mehr mit EU-Ratspräsident Donald Tusk überein, der sagt: «Der Brexit ist schon Strafe
genug.»

Wenn sich ein Paar in die Haare kriegt, gibt es stets viele, die das Spektakel aufmerksam verfolgen und Partei ergreifen. Im Moment fliegen die Sympathien der verschmähten EU zu. Doch sollte Brüssel den Bogen nicht überspannen.

remo.hess@azmedien.ch