Kommentar

Die Kirche fürchtet die Stille

Nach dem Urteil, dass Kirchglocken nahe dem Schlafzimmer stören könnte es am Bundesgericht zu einem Präzedenzfall kommen. Daniel Fuchs findet, dass der Diskussion etwas mehr Gelassenheit gut täte.

Daniel Fuchs
Drucken
Teilen

Erstmals haben Richter anerkannt, dass der Klang von Kirchenglocken zu nah am Schlafzimmerfenster bereits in bescheidener Lautstärke problematisch ist. Weil ein solches Urteil nun vor das Bundesgericht in Lausanne weitergezogen wird, könnte es demnächst zu einem Urteil mit Präzedenzcharakter kommen. Stützen die Bundesrichter aktuelle Entscheide in den Kantonen Zürich und Bern, so könnten Kirchenglocken landauf, landab verstummen, zumindest in der Nacht. Werfen sie die Entscheide um, so werden die Glocken wohl weiterhin in der Nacht klingen.

Schade, dass die Frage von Richtern entschieden werden muss. Besser wäre es, politische und kirchliche Behörden würden mit den Anwohnern einvernehmliche Lösungen finden. Die Befürchtung kirchlicher Kreise, die Abschaffung des nächtlichen Viertelstundenschlags könnte ganz das Ende des Glockengeläuts einläuten, ist zwar verständlich, aber falsch. Selbst von Glockenlärm geplagte Anwohner betonen, nichts gegen das sakrale Kirchengeläut zu haben.

Etwas mehr Gelassenheit täte der Diskussion gut: Kirchenfreunde, der Kirche fällt doch kein Zacken aus der Krone, wenn in der Nacht die Glocken ruhen. Zumal der Stunden- und Viertelstundenschlag in der Nacht nicht den geringsten sakralen Hintergrund hat. Und Glockengeplagte, wir nehmen euch beim Wort und hoffen, ihr seht übers Glockengeläute an Sonntagen und zu Feiertagen hinweg. Geniesst doch die Nähe zu den gepflegten und idyllischen Kirchenarealen in den historischen Zentren. Ruhe ist wichtig, Totenstille wäre fatal. Vor allem dann, wenn nicht einmal mehr die Totenglocke klingen kann.

Silvan Wegmann zur Kirchenglocken-Debatte.

Silvan Wegmann zur Kirchenglocken-Debatte.