Digitalisierung
FinTech – die neuen Zwitter

Peter V. Kunz
Peter V. Kunz
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Die Digitalisierung birgt wirtschaftliche Chancen und Risiken.

Die Digitalisierung birgt wirtschaftliche Chancen und Risiken.

Keystone

Die Elektronisierung – korrekter: die Digitalisierung – hat längst Einzug gehalten im Alltag von uns allen, sicherlich nicht zu jedermanns Freude. Beispielsweise gehöre ich heutzutage im Bahnreiseverkehr zu den wenigen Passagieren, die noch eine «echte» Zeitung lesen (und sich dabei schwarze Finger holen); die grosse Mehrheit erhält ihre Informationen online, indem sie nervig tippend ihre Mobilgeräte – wie iPhones oder Tablets – malträtiert. Es gibt zudem auch immer weniger Bancomaten; das Bargeld erscheint so «out» wie das Online-Banking «in», selbst für den Zahlungsverkehr von Kleinkunden.

Brave New World: «Uber» verdrängt Taxis, «Zalando» bedrängt den stationären Schuh- und Kleiderhandel. Wer die digitalen Medien nicht zu nutzen vermag, ist nicht von gestern, sondern schon von vor-vor-vor-gestern. Ja, sogar das Flirten und das Kennenlernen wird immer stärker virtualisiert, sei es über Internetportale («Parship» etc.) oder über Dating-Apps – es würde mich interessieren, wie die digitale Fortpflanzung erfolgen soll ...

In der Schweiz scheinen fast alle begeistert über die neuen Möglichkeiten

Die Generationen, die in einem solchen Umfeld aufwachsen («Digital Natives»), sind sich dies gewohnt. Doch ältere Leute wie ich – als 51 Jähriger – müssen sich die Fähigkeiten zum Umgang mit diesen Medien im Erwachsenenalter erst aneignen («Digital Immigrants»). Nicht wenige Menschen bleiben lange skeptisch und lehnen «Errungenschaften» wie «Facebook» oder «Twitter» ab, was zum wenig schmeichelhaften Begriff der «Digital Deniers» geführt hat. Sei’s wie es sei: Niemand kommt darum herum. Die Digitalisierung stellt – ähnlich wie die Internationalisierung – einen gesellschaftlichen «Megatrend» dar.

Bill Gates von «Microsoft» wird der Satz zugeschrieben: «Banking is necessary, but bankers are not» («Es braucht zwar Bankdienstleistungen, aber keine Banker»), und dies scheint zuzutreffen. Vor diesem Hintergrund können wir momentan eine Zwittergeburt zwischen der Finanzindustrie einerseits und der Hightech-Branche andererseits beobachten. Das aktuelle Zauberwort heisst: FinTech («Finanztechnologien»), und plötzlich werden Technologieunternehmen wie «Google», «Apple» oder «Facebook» zu Konkurrenten von Banken.

Für mich steht momentan nicht fest, ob über FinTech künftig «Top» oder «Flop» stehen wird. Doch vielleicht ist dies der Zweckpessimismus eines «Digital Deniers»? In der Schweiz scheint fast jedermann – inklusive Politiker, Bundesrat und Finanzmarktaufsichtsbehörde Finma – begeistert und ruft sogar nach behördlicher Unterstützung für FinTech. Die Finma soll weniger Aufsichtsbehörde und Regulator als vielmehr Dienstleister und Standortförderer sein. Dies erscheint mindestens mutig, solange niemand weiss, was FinTech überhaupt umfasst (vermutlich haben nur die wenigsten Leser dieser Kolumne mindestens eine oberflächliche Ahnung, was unter «Blockchain» verstanden wird – ich gehöre übrigens nicht dazu!).

Eine Form von FinTech scheint sympathisch: das Crowdfunding

Von zwei Ausprägungen der FinTech hat wohl jedermann schon mal gehört, wenn auch nicht unbedingt verstanden, nämlich von Crowdfunding («Schwarmfinanzierung») auf der einen Seite sowie von Bitcoin (als «virtuelle Währung») auf der anderen Seite: Während Crowdfunding sympathisch daherkommt – zum Beispiel will eine junge Künstlerin ihr Ausstellungsprojekt finanzieren und wendet sich über eine Internetplattform an potenzielle Spender oder Investoren – und wirtschaftlich (noch) unbedeutend ist, gibt es bei Bitcoin zahlreiche reale Probleme; die «virtuellen Währung» soll nämlich in erster Linie von Kriminellen miss-braucht und zur Geldwäscherei benutzt werden, ausserdem gab es einen Zusammenbruch einer unbeaufsichtigten «Bitcoin-Börse». Beide FinTech-Bereiche werden in der Schweiz, im Grossen und Ganzen, weder reguliert noch beaufsichtigt – dies muss überraschen.

Ich bin ohne Zweifel kein «Digital Native», was jeder meiner wissenschaftlichen Assistenten grinsend bestätigen würde. Ich schätze mich indes – trotz fehlender Euphorie – nicht als «Digital Denier» ein. Dass kein regulatorischer Overkill betreffend FinTech besteht oder geplant ist, befürworte ich als Liberaler. Allerdings sind mit FinTech nicht allein Chancen, sondern ebenfalls Risiken verbunden, sodass eine staatliche Aufmerksamkeit (gerade der Finma) unerlässlich sein dürfte. Mindestens eine «Regulierung light» zu FinTech in der Schweiz wür-de die Wirtschaft nicht blockieren, sondern dürfte notwendige Rechtssicherheit schaffen.

* Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern; seit 2015 ist er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Vor seiner akademischen Karriere war er u. a. als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.