Sprachriff
Gedankenpause zum Totschlagen

Gewisse Wörter entstanden spät – warum so spät, ist rasch klar: Das Wort «Zeitvertreib» etwa.

Max Dohner
Max Dohner
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Tack-tack-tack.

Tack-tack-tack.

Foto: mad.

Man muss zuerst in den Luxus kommen, «sich die Zeit zu vertreiben», statt von morgens früh bis abends spät zu schuften. Erst in der freien Zeit entdeckt man die neue Plage, die man sich damit eingehandelt hat.

Stärker stets widmete sich fortan der bürgerliche Mensch dem «Zeitvertreib». Ab Mitte des letzten Jahrhunderts ganz rabiat; im Wirtschaftswunder eignete man sich die Fähigkeit an, Zeit gar «totzuschlagen». Neue Narkotisierapparate wie die Glotze machten das tagtägliche Killen eines Drittels der Wachzeit zur Stuben-Bequemlichkeit. Und ab 2000 ist das Zeittotschlagen flächendeckend geworden. Es dürfte, wenn der Anblick aller vom Handy Paralysierten nicht täuscht, mittlerweile keine Sekunde mehr vergehen, die der digitalen Zeitschlachtung noch entgeht und einfach, wie eine schillernde Seifenblase, als Sekunde schweben bleibt, ehe auch sie platzt.

Sollte da noch einmal der fahle Strahl einer Erkenntnis durch den Nebel sickern, heute «Gedankenpause» genannt, dann könnte man sich an ein Wort erinnern des amerikanischen Dichters Henry David Thoreau, der sich selber beobachtet und dann bemerkt hat: «Als könntest du die Zeit totschlagen, ohne die Ewigkeit zu verletzen».

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