Kommentar

Gotthard als Kür, Lenzburg als Pflicht

Fabian Hägler
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Nicht nur in Lenzburg, auch an anderen Aargauer Bahnhöfen (so wie hier in Baden) sind die Perrons zu Stosszeiten regelmässig überlastet. (Bild: Mario Heller)

Nicht nur in Lenzburg, auch an anderen Aargauer Bahnhöfen (so wie hier in Baden) sind die Perrons zu Stosszeiten regelmässig überlastet. (Bild: Mario Heller)

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Es ist gut ein halbes Jahr her, seit der neue Gotthard-Basistunnel eingeweiht wurde. Für das Jahrhundertbauwerk gab es Lob aus aller Welt: alles im Zeitrahmen, keine Kreditüberschreitung, und das bei einem Mil-liardenprojekt. Mit Blick auf das Trauerspiel um den neuen Berliner Flughafen gratulierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit neidischem Unterton.

Verständlich, dass sich die SBB-Spitze über die Anerkennung freute – das ist auch richtig so, die Planer, Ingenieure und Tunnelbauer haben am Gotthard Grosses geleistet. Doch den Pendlern im Aargau, die jeden Morgen am Bahnhof stehen, bringt der neue Gotthard-Tunnel wenig. Sie würden von längeren Perrons, breiteren Unterführungen und modernen Bahnhöfen im Mittelland viel stärker profitieren als von einer schnellen Verbindung ins Tessin.

Manch ein Pendler dort wird sich fragen, warum es so lange dauert, bis beim überlasteten Knotenpunkt Lenzburg etwas passiert. Weil weiter westlich der Eppenberg-Tunnel gebaut wird, können die Bauarbeiten nicht vor 2022 beginnen. Und Lenzburg steht nicht alleine mit seinen Bedürfnissen.

Ähnlich wie beim Ausbau der A1, den sich der Aargau seit langem wünscht, entscheidet auch bei der Bahninfrastruktur neu der Bund, welches Projekt zum Zug kommt. Immerhin haben die SBB die Probleme in Lenzburg erkannt, wie ihr Architektur-Chef kürzlich in der «NZZ am Sonntag» sagte. Nun gilt es, die Lösung umzusetzen. Um es etwas plakativ zu sagen: Der neue Gotthard-Tunnel ist für die SBB die Kür, der alte Bahnhof Lenzburg die Pflicht.