Apropos

Ist «Augenhöhe» oben oder unten?

Heimito Nollé
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«Auf Augenhöhe» heisst das Zauberwort, das neuerdings überall zu vernehmen ist.

«Auf Augenhöhe» heisst das Zauberwort, das neuerdings überall zu vernehmen ist.

Keystone

Glaubt man einer verbreiteten Floskel, dürften die Zeiten der Ungleichheit bald schon vorbei sein. «Auf Augenhöhe» heisst das Zauberwort, das neuerdings überall zu vernehmen ist. Politiker machen damit klar, dass sie nicht mehr von oben herab regieren wollen, sondern sozusagen Aug in Auge mit dem Bürger. Auch Firmenchefs haben ihren Hang zum Egalitarismus entdeckt und wünschen sich nichts sehnlicher als Angestellte «auf Augenhöhe».

Geäussert wird die Floskel meist von denen, die in der besseren Verhandlungsposition sind. Einem unterlegenen Verhandlungspartner das Angebot zum «Dialog auf Augenhöhe» zu machen, klingt nobel. Es ist der rhetorisch wirksame Trick, zugunsten eines Gesprächs unter Gleichberechtigten auf die berüchtigten Hebel der Macht zu verzichten. (Zur Not können die dann immer noch getätigt werden.)

Sehr gefragt ist die «Augenhöhe» auch auf dem Markt der Verkupplungswilligen. Nicht nur anspruchsvolle Akademikerinnen legen Wert darauf, einen Partner «auf Augenhöhe» zu finden. Ein scheinbar zugkräftiges Argument, das sich aber leicht als Totschlagkriterium erweist: Wer so viel von «Augenhöhe» spricht, suggeriert nämlich, in welch luftigen Höhen er sich selbst bewegt. Solch frostige Aussicht treibt selbst Kletterwillige in die Flucht.