Ausdrucksweise

Schwere und leichte Sprache in der Politik

Oswald Sigg über die Ausdrucksweise in der Öffentlichkeit – die neuerdings gesplittet wird.

Oswald Sigg
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Frankreichs Präsident François Hollande bei einer Ansprache in Paris.

Frankreichs Präsident François Hollande bei einer Ansprache in Paris.

Keystone/EPA/JACKY NAEGELEN / POOL

In den USA hat der Wahlkampf gezeigt, wie der Sprache in der Politik eine wichtige Rolle zukommt. An einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin behauptete die in Berkeley lehrende Linguistin Elisabeth Wehling zehn Tage vor der Wahl, Donald Trumps Sprache sei jene eines mittelbegabten Viertklässlers. Einfach, direkt und auch brutal. Das Entsetzen im Publikum war spürbar.

Nur: Die Sprache der Politiker und Politikerinnen ist ja auch keine leichte Sache. Da wird in einem Jargon gesprochen und geschrieben, der verklausuliert und relativiert, was das Zeug hält. Diplomaten tun es auch, aber tadellos gekleidet und damit eleganter. Schwer zu verstehen sind manchmal auch politische Kommentatoren, Berater und Experten. Die Folgen sind in der direkten Demokratie unabsehbar. Die Volksabstimmungen über Verfassungsartikel und Gesetze setzen voraus, dass sie – nicht zuletzt mithilfe der amtlichen Erläuterungen – verstanden werden. Dem ist wohl nicht ganz so, wie die bei vielen Urnengängen traditionell tiefe Stimmbeteiligung zeigt.

Anders und trotzdem ähnlich verhält es sich mit Sprache und Ausdruck in der abgehobenen Welt der Kunst. Wer im Kunstmuseum sprachlos vor einer weissen Leinwand steht, der kann sich wenigstens sagen, so etwas bringe er auch zustande. Auf dem unten rechts angebrachten Schild mokiert sich der Künstler durch den Hinweis: «Ohne Titel». Oder etwa «Gedanken in Weiss». Entscheidend in der Kunst ist ja nicht die Aussage eines Werks, sondern der Preis. «Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten», soll Picasso gesagt haben.

Aber zurück zur politischen Sprache. Im französischen Wahlkampf haben die Medien und die Kandidaten für die Nachfolge von François Hollande rasch jüngste amerikanische Erfahrungen übernommen. Emmanuel Macron etwa: Noch als Wirtschaftsminister in der Regierung Hollande hatte er im Parlament wortreich ein Mindestlohngesetz von 185 Seiten gegen die Gewerkschaften durchgesetzt. Jetzt präsentiert er sich leichterdings ohne grosses Programm als Kandidat für die Präsidentschaft. Er ist sein eigenes Projekt. Er schreit, drei Wochen nach der Wahl Trumps in den USA, beim Meeting in Paris unter frenetischem Beifall ins Mikrofon: «Das Projekt bin ich und ihr alle werdet unser Projekt zum Sieg tragen. Es lebe Frankreich, es lebe die Republik!» Inmitten einer tobenden Menge breitet Macron wie ein segnender Priester Arme und Hände aus, und sein Blick ist nach oben gerichtet.

Auch in Bern, im Wahlkampf um das Stadtpräsidium, sind Beispiele von schwieriger und simpler Sprache auszumachen. Kandidatin Ursula Wyss: «Gerade weil die Velobrücke im urbanen Raum stehen soll, hat sie aber auch so grosses Nutzungspotenzial.» Ihr Herausforderer: «Alec von Graffenried baut Brücken zu Menschen, nicht nur Velobrücken.»

In Berlin, im Deutschen Historischen Museum, trifft man auf ein interessantes Experiment, wenigstens die zur Geschichte geronnene Politik verständlich zu erklären. Dort ist derzeit eine grossartige Ausstellung über den deutschen Kolonialismus zu sehen. Die Gegenstände und Bilder, die Trophäen und Landkarten sind auf Tafeln zweisprachig erklärt. Der Besucher staunt: nicht wie üblich Deutsch/Englisch, sondern zweimal auf Deutsch, nämlich in schwerer und leichter Sprache.

Ein Beispiel. Als schwere Sprache gilt: «Das Deutsche Historische Museum (DHM) ist Deutschlands nationales Geschichtsmuseum. Es versteht sich, in Berlins historischer Mitte gelegen, als ein Ort lebendiger Vermittlung und Diskussion von Geschichte.» Dasselbe übersetzt in leichte Sprache: «Das Deutsche Historische Museum ist das Museum für die Geschichte von ganz Deutschland. Das Deutsche Historische Museum ist in Berlin. Deutsches Historisches Museum kann man so abkürzen: DHM.»

Auch der Deutschlandfunk bringt einen Wochenrückblick in einfacher, verständlicher Sprache. Unter dem Titel «Nachrichtenleicht» wird in rudimentärer Form über das wichtigste aktuelle Geschehen informiert. Aber: Wer sich dafür interessiert, warum überhaupt auch hier zweierlei Deutsch praktiziert wird, findet dafür eine Erklärung des Bundesbeauftragten für behinderte Menschen. Will da somit gesagt werden, wer die normale Sprache von Politik und Medien nicht versteht, ist behindert?

Oswald Sigg war bis 2009 Vizekanzler der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Bundesratssprecher. Zuvor war er Journalist, unter anderem Chefredaktor der Schweizerischen Depeschenagentur, anschliessend Informationschef mehrerer Departemente.