Kolumne
Tiere sind keine Sachen: So sind Büsi und Hund rechtlich geschützt

Rechtsprofessor Peter V. Kunz beantwortet in seiner Kolumne die Frage, wie Tiere in der Schweiz rechtlich geschützt sind.

Peter V. Kunz
Peter V. Kunz
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Eine Katze auf Mausfang.

Eine Katze auf Mausfang.

Vor einigen Tagen wurde auf der Frontseite von «20 Minuten» die auf den ersten Blick leicht irritierende Frage gestellt: «Mein Büsi ist krank – darf ich im Job fehlen?» Diese Fragestellung erscheint indes alles andere als lebensfremd oder abwegig und bewegt Menschen auch im Ausland. Erst letzte Woche berichtete die bekannte «New York Times», dass eine Italienerin zur Pflege ihres kranken Hundes vom Arbeitgeber zwei bezahlte Freitage erhalten hat. Also: Dürfen Sie vom Arbeitsplatz wegbleiben wegen Ihres Büsis oder eines anderen Tiers?

Antwort: Selbstverständlich! Ihr Tier ist kein Auto, das in die Garage zum Service oder zur Reparatur gebracht werden kann. Es braucht keinen Ölwechsel, sondern Pflege und Zuwendung wie jedes Lebewesen. In der Schweiz gibt es zwar noch kein Urteil, doch ich bin überzeugt, dass jeder Richter mit Verständnis dies gleich beurteilen wird, und ich hoffe, dass die Arbeitgeber ebenfalls Verständnis zeigen. Um Missbrauchsfällen vorzubeugen, würde ich empfehlen, dass Sie sich ein Tierarztzeugnis besorgen...

Tiere sind erst seit wenigen Jahren gesetzlich besser geschützt

Tiere sind keine Sachen. Diese Selbstverständlichkeit findet sich im Schweizer Zivilgesetzbuch, allerdings erst seit 14 Jahren, und gilt ebenso für «Nutztiere». Es wird zwar von unseren Politikern gerne betont, dass das schweizerische Tierschutzrecht international führend sei. Doch was nützt dies, wenn bei dessen Umsetzung und Kontrolle durch die Behörden geschlampt wird? Dass beim Stichwort «Tierquälerei Hefenhofen» nicht zuletzt Thurgauer Beamte in der Kritik stehen, kann somit kaum überraschen.

Die Tierquälerei stellt – leider – eine der wenigen Konstanten in unserer Menschheitsgeschichte dar, wie der Historiker Yuval Noah Harari festhält. Doch rechtfertigt oder entschuldigt dies in irgendeiner bizarren Weise die heute andauernden Missstände im Verhältnis von Menschen und Tieren? Dies war natürlich eine rhetorische Frage. Die Leser sollten mich indes nicht falsch einschätzen: Ich bin weder Veganer noch Vegetarier, auch kein aktivistischer Tierschützer; militante «Tieraktivisten» schaden nicht nur der Sache, sondern sind Rechtsbrecher – genauso wie Tierquäler. Ich finde es durchaus richtig, dass über Tierstaatsanwälte diskutiert wird und dass Tierschutzorganisationen jeweils Beschwerderechte haben. Auch erachte ich es als wertvoll, dass es Stiftungen wie etwa «Tier im Recht» (TIR) gibt. Unbesehen dessen scheint mir der Schutz von Haustieren, von «Nutztieren» und von Wildtieren weniger ein juristisches als vielmehr ein persönliches Thema für jeden Einzelnen von uns zu sein. Ich gestehe offen: Es gibt Bereiche, bei denen ich selber unschlüssig bin, wo weder schwarz noch weiss, sondern grau vorherrscht. Wie halte ich es mit Zootieren? Wie mit Löwen und Elefanten im Zirkus? Wie mit Jägern und mit der Jagd? Und insbesondere: Wie halte ich es mit Tierversuchen?

Jedermann hat für sich den richtigen Weg zu suchen, eine ethische Apodiktik auf der einen Seite erscheint mir ebenso falsch wie dumme Ignoranz auf der anderen Seite. Zu unserem eigenen Weg: Meine Frau rettet ausgesetzte Katzen und verirrte Igel, ich lasse mich inspirieren vom Philosophen Ludwig Feuerbach: «Der Mensch ist, was er isst». Vor diesem Hintergrund reduziere ich meinen persönlichen Fleischkonsum, der nur auf biologischer und nachhaltiger Tierhaltung in der Schweiz beruht – und ich esse prinzipiell keine Tierkinder!

Was macht uns letztlich zum «Menschen»?

Ich bin kein ideologischer Träumer oder Weltverbesserer und anerkenne nicht zuletzt die Herausforderungen der Landwirtschaft (schlicht kein Verständnis habe ich hingegen für die Pelzwirtschaft!). Doch sich aus Gründen der Wirtschaftlichkeit um Anstand und Respekt zu foutieren, geht in einer zivilisierten Gesellschaft im 21. Jahrhundert nicht mehr.

Tiere sind keine Sachen. Sie stellen auch keinen Familienersatz dar, sondern – hoffentlich – wirkliche Familienmitglieder und Freunde. Und selbst der Leser, der Emotionalisierungen und «Vermenschlichungen» von Tieren ablehnt, muss anerkennen: Beim Verhältnis von uns Menschen zu Tieren geht es im Wesentlichen um unsere eigene Humanität, also um das, was uns tatsächlich zum «Menschen» und menschlich macht. Respekt gegenüber der Umwelt im Allgemeinen und gegenüber der Tierwelt im Besonderen spiegelt somit die Essenz unseres gemeinsamen und gemeinschaftlichen Daseins. Wir Menschen und Tiere sind keine Sachen!

Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern; seit 2015 ist er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Vor seiner akademischen Karriere war er unter anderem als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.