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Was von der Pana-Mania bleibt

Fabian Hock
Fabian Hock
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Illustration der Süddeutschen Zeitung zu den Panama Papers.

Illustration der Süddeutschen Zeitung zu den Panama Papers.

Screenshot: Süddeutsche Zeitung

Jetzt können wir also selber auf die Jagd nach vermeintlichen Steuersündern gehen. Das Internationale Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) hat die Rohdaten zu den «Panama Papers» veröffentlicht. Darin kann seit gestern Jeder selbst Detektiv spielen. Das Interesse ist so gross, dass der Server des Journalistennetzwerks gestern zeitweise zusammenbrach. Klar, die Panama-Enthüllungen sind schliesslich «der Aufreger des Jahres».

Es begann bei der «Süddeutschen Zeitung». Ihr wurden Dokumente zugespielt von «John Doe» — so werden in den USA Personen genannt, die anonym bleiben wollen. Schaut man sich an, was die «SZ» in einem Jahr Recherche daraus gemacht hat, fällt als erstes Eines auf: die Geschichte ist optisch perfekt inszeniert. Das Titelbild der eigens aufgesetzten Homepage ginge auch als Werbeplakat für einen Hollywood-Mafia-Streifen durch. Die Seite ist im Comic-Stil gehalten, optisch dominiert karibisches Mintgrün. Selbst Assad trägt türkis. An seiner Seite grüssen weitere Finsterlinge vom Seitenkopf: Putin, Ahmadinedschad, der saudische König Salman. Garniert mit dem gefallenen ukrainischen Helden Petro Poroschenko und dem als Opportunisten enttarnten Isländer Sigmundur Gunnlaugsson, dem seine Verstrickungen in den Skandal den Job als Premierminister kosteten. Unten rechts liegen fünf Aktenordner. Aus ihnen tropft Blut.

Selbst die Galionsfigur der Datenschützer hatte einen Auftritt

Der Online-Auftritt ist längst nicht alles: In der Talkshow von Markus Lanz beim deutschen Sender ZDF erzählten die beiden «SZ»-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von ihrem Recherchejahr — wie sie der eigenen Familie nicht sagen konnten, was sie eigentlich tun und dass nicht einmal die Putzfrau während dieser Zeit ihr Arbeitszimmer betreten durfte. Eine Handvoll Journalisten und eine ahnungslose Putzfrau gegen den internationalen Geldadel. Grosses Kino. In der Panama-Enthüllung hat selbst Edward Snowden seinen Auftritt — auf der Seite der Guten natürlich. Einige Minuten vor der geplanten Veröffentlichung der ersten Panama-Geschichte twitterte er — rein zufällig — das anstehende Grossereignis in die Welt.

Unter dem Label «grösstes Datenleck der Geschichte» machte die Story in der Folge ihren Weg rund um die Welt. Dabei stellt sich schon die Frage: Ist es wichtig, dass der 2,6 Terabyte-Leak der grösste aller Zeiten ist? 2,6 TB passen heute auf eine externe Festplatte in der Grösse einer Zigarettenschachtel. 11,5 Millionen Dokumente sind es insgesamt — eine Wahnsinnszahl! Nur: Wie viele davon sind relevant? Und was passiert, wenn ein nächstes Datenleck 12 Millionen Dokumente umfasst, darunter aber eine Million Katzenvideos sind? Ist das dann das neue grösste Datenleck der Geschichte? Oder nur das zweitgrösste, obwohl es eventuell zu mehr Rücktritten von Regierungschefs führt?

Untergehen zwischen Büsis und Belanglosigkeiten

Grösstes Leck aller Zeiten, Comic-Stil, Snowden: So verkauft man eine Geschichte heute. Als zu Beginn der 60er Jahre der «Spiegel» seine Bundeswehrgeschichte mit dem Titel «Bedingt abwehrbereit» publizierte, die letztlich zum Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Strauss führte, begann das Magazin die Geschichte so: «Der Kanzler verliess seine Hauptstadt Bonn. Wie der Führer zu Beginn des Westfeldzuges am 10. Mai 1940 frühmorgens, bezog er einen Befehlsbunker in der Eifel...» In diesem Tonfall geht es weiter. Kein Getöse, keine Inszenierung, nur der Skandal. Ein solcher Text wäre heute, zwischen all den Busen, Büsis und Belanglosigkeiten, die in der Medienwelt herumschwirren, womöglich sang- und klanglos untergegangen.

Die Panama-Enthüllungen wurden beachtet. Man kam wochenlang nicht um sie herum. Das liegt nur zum Teil daran, dass die organisierte Steuerflucht ein brisantes Thema ist. Die mediale Inszenierung hat sicher ebenfalls ihren Anteil. Diese tut offensichtlich heute Not, um überhaupt noch gehört zu werden. Die «SZ» ist bei der Inszenierung der Panama Papers weit gegangen. Überspannt hat sie den Bogen aber nicht. Und wenn das ganze Drama letztlich dazu verhilft, dass die Scheinwerfer künftig regelmässig auf die Dunkelmänner bei ihren krummen Geschäften fernab von Steuerbehörden gerichtet werden, dann ist es sicher zu ertragen.