Gastkommentar

Im Klaren mit sich und dem Umfeld

Gastkommentar zur Debatte um Doppelbürger im Fussball.

Hasan Kanber*
Drucken
Teilen
Die Debatte wurde angeregt geführt: Doppelbürger im Fussball.

Die Debatte wurde angeregt geführt: Doppelbürger im Fussball.

KEYSTONE

Seit einigen Wochen beschäftigt es viele Fussballinteressierte, wie eben diese Schritte einiger Profis doch grossen Einfluss auf die Meinungsbildung der Allgemeinheit – und zwar noch längere Zeit nachher – haben können. Auch ich fühle mich verpflichtet, meine Meinung kundzutun. Nicht zuletzt deshalb, weil ich gewisse Ämter als Schweizer mit Migrationshintergrund Türkei – notabene ehrenamtlich – bekleide. Sei es im Vorstand des Fussballverbandes Nordwestschweiz (seit 16 Jahren) oder in der lokalen Politik (ehem. Grossrat SP/BS, aktueller Einwohnerratspräsident der Gemeinde Pratteln und Einwohnerrat SP).

Eine fundierte Ansicht für oder eben gegen diese Polemik respektive Affäre ist für mich sicher nicht leicht zu erklären und zu beweisen, aber Eindeutiges will ich gerne schon auf den Punkt bringen: Als erstes finde ich, man sollte sich von dem Moment an, in dem man die Verantwortung hat, also quasi zur «öffentlichen Person» wird, innerlich entscheiden, wo die «Reise hinführen wird bei sich selber»! Das heisst ungeachtet dem Pass, den Pässen oder Identitätspapier(en) sich mental entscheiden, ob man im Stande sein wird - und das über «Jahre»! - den Anforderungen der eigenen, örtlichen «Fussballindustrie» und jener der Medien gegenüber ohne Schaden zu bestehen. Ich will damit eher die Spieler bei Ihrer allgemeinen Verantwortung abholen, als dass ich dem grossen Fehler verfalle zu sagen: Da müsstet Ihr Euch für den einen oder anderen Staat entscheiden, denn das ist zu kurzsichtig und nicht zu Ende gedacht. In der Praxis sollte für mich ein angehender Profi eben vorher im Klaren mit sich und seinem Privaten Umfeld sein – sein Entscheid sollte emotional zu diesem Zeitpunkt fallen und nicht «Staatstechnisch» irgendwann.

Ich besitze sehr gerne beide Pässe, den Schweizer und den türkischen Pass, und fühle mich– da ich mich zum richtigen Zeitpunkt damit auseinandergesetzt habe – sehr wohl damit. Ich bin einige Male mit Profis, sei es im Sport oder auch in der Politik, gemeinsam gereist und einige Male auch mit Destination Türkei. Stellen Sie sich vor, da kommen im VIP-Bereich eines Flughafens einer türkischen Millionenstadt «Deutsche Bundestagsabgeordnete» mit «türkischen Wurzeln» und «nur» deutschen Papieren an und werden von einer entsprechenden Delegation auf gleicher Augenhöhe begrüsst, anschliessend gibt man als ankommender VIP-Passagier den Reisepass zur dann ohnehin sehr kurzen, oberflächlichen Einsicht den «VIP-Grenzbeamten» ab. Eben dann habe ich schon einige Diskussionen als Drittperson miterlebt. Es waren befremdende und gehässige Ausdrücke, die auf die Besucher geprasselt sind.

Dies –also verachtende und rassistische Ausdrücke–werfen nun einige Regierungsvertreter der Türkei dem deutschen Fussball Bund und der Regierung vor. Am besten ist es demnach, beide Pässe zu behalten. An die Adresse meines Fussballverbandes in Bern möchte ich auch anbringen, dass es in einer globalen Welt und Einwanderungsländern wie Deutschland und die Schweiz zu einer gelebten Realität gehört, dass die Einwohner zwei oder auch mehr Herkunftsländer haben. Hier müssen wir uns in die Kritik nehmen und unsere Mechanismen hinterfragen: Haben wir als Verband immer den Spieler oder den Menschen mit all seinen soziokulturellen Verschiedenheiten in den Fokus gebracht? In dem Falle ist für mich vielleicht erst jetzt der Anstoss auch hinsichtlich einer guten, fundierten und zeitgerechten Integrationsarbeit innerhalb der Verbände gelungen.

Mein Motto wäre deshalb: Das Phänomen der Brückenkinder und den entstandenen erfolgreichen Brückenbauern zwischen den Ländern und Kulturen gilt es hüben und drüben zu festigen und sicher nicht zu destabilisieren!

*Der Autor ist seit 16 Jahren im Vorstand des Fussballverbandes Nordwestschweiz, war SP-Grossrat in Basel und ist derzeit Einwohnerratspräsident von Pratteln.