Mein Leben im Dreiland
Und das mitten im Hochsommer: Aprilsch(m)erz im schönen Basler Dreiland

Ein Aprilscherz könnte kaum besser sein. Wer in der Region Basel lebt und auch nur wenige Minuten im Dreiland arbeitet, muss eine Bescheinigung vorweisen, dass er in der Schweiz sozialversichert ist. Wird er ohne erwischt, beträgt die Busse in Frankreich unglaubliche 3269 Euro.

Peter Schenk
Peter Schenk
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Französische Behörden kontrollieren auch am Zol (hier Übergang Saint-Louis/Basel Autobahn) l, ob jemand die Bescheinigung über seine Sozialversicherung dabei hat.

Französische Behörden kontrollieren auch am Zol (hier Übergang Saint-Louis/Basel Autobahn) l, ob jemand die Bescheinigung über seine Sozialversicherung dabei hat.

Kenneth Nars

Es könnte ein verspäteter Aprilscherz sein, aber es ist bitterer Ernst. Ein Bürokratiemonster bedroht das Leben im Dreiland. Sein Name lautet A1-Bescheinigung. Jeder, der in Basel wohnt und kurz beruflich im Elsass oder in Südbaden zu tun hat, braucht sie. Jeder Regio-Politiker, der zu einer Sitzung nach Lörrach fährt, ist ohne sie aufgeschmissen und jeder Journalist, der ohne sie über eine Medienkonferenz in Saint-Louis berichtet, setzt sich der Gefahr happiger Strafen aus.

Erwischt werden kann man schon beim Grenzübertritt. So sollen französische Zöllner in letzter Zeit vermehrt kontrollieren, was die grenzübertretenden Menschen im schönen Frankreich treiben. Wollen sie nur einkaufen, ist das kein Problem. Geht es darum, dass ein Techniker vom Baselbieter Unternehmenssitz schnell zur Niederlassung in Frankreich fährt, um dort etwas zu regeln, wird ohne Formular A1 eine Busse von 3269 Euro fällig. Da hilft nur flunkern, wobei die Selbstdeklaration als Einkaufstourist im Firmenauto schnell unglaubwürdig wird.

Die EU will so Schwarzarbeit verhindern

Das besagte Formular hat einen ernsten Hintergrund. In Basel wird es von der Ausgleichskasse unterzeichnet und bestätigt, dass eine Person, die im Nachbarland arbeitet, in der Schweiz sozialversichert ist. Die EU will so der Schwarzarbeit einen Riegel vorschieben. Hintergrund ist, dass osteuropäische Billigbautrupps regelmässig Lohndumping und Sozialbetrug betreiben.

Die Vorschrift gilt schon seit 2010. Neuerdings müssen die Formulare aber elektronisch übermittelt werden und seitdem häufen sich auch die Kontrollen. Für das Dreiland, das seit Jahrzehnten über die Grenzen zusammenwächst, ist A1 eine Katastrophe. Wie soll so die Kooperation noch gut funktionieren?

Die Genehmigung eines Antrags kann bis zu zwei Wochen dauern. Sorry, es brennt in Weil am Rhein, aber der Fotograf muss erst auf sein Formular warten. Das Problem erkannt hat das deutsche Magazin «Stern», in dem ein langer Artikel darüber erschien, wie die «Angst vor Schwarzarbeit zur Bürokratiehölle führt». Nun greift auch der Regio-Politiker und SVP-Grossrat Heinrich Ueberwasser das Thema in einer Interpellation auf. Der Regierungsrat dürfte sich die Augen reiben und auf einen Aprilscherz tippen.

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