Stadtbummel

Bummel in Zeiten von Corona

Claudia Dahinden
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Die Corona-Krise ruft teilweise das Schlimmste im Menschen hervor: egoistische Hamsterkäufe und rücksichtsloser Diebstahl in Spitälern.

Die Corona-Krise ruft teilweise das Schlimmste im Menschen hervor: egoistische Hamsterkäufe und rücksichtsloser Diebstahl in Spitälern.

Keystone/EPA CDC/CENTERS FOR DISEASE CONTROL AND

Man kann sich noch so bemühen, über etwas anderes zu schreiben: Corona hat auch mich (zum Glück nicht physisch) im Griff. Gestern wartete ich ungeduldig vor meinem Computer auf die Verkündigungen des Bundesrats, die von 14:00 auf 14:30 und dann auf 15:30 geschoben wurden. Dann war es soweit: Schulen geschlossen, Veranstaltungen ab 100 Personen verboten. Eine veritable, wenn auch nicht unerwartete Bombe.

Einen winzigen Moment interpretierte mein schwarzhumoriges Herz das Ganze als karmische Gerechtigkeit für gequälte Introvertierte in einer extrovertierten Gesellschaft, und ich sah den klassischen Gesinnungsgenossen zu Hause auf dem Sofa, die Beine auf dem Couchtisch, ein schuldbewusst-zufriedenes Lächeln auf den Lippen. «Endlich hat die Welt begriffen, was wahre Lebensqualität ist, und wir finden heraus, wie viele Sitzungen ein E-Mail hätten sein sollen! Wie fühlt ihr euch jetzt, all ihr Extrovertierten? Unwohl, weil nicht in eurem natürlichen Habitat? Welcome to my world!»

Natürlich dienten diese respektlosen Gedanken nur der Verdrängung. Für mich ändert sich nicht besonders viel, aber ich sorge mich um meine älteren Verwandten; ich frage mich, ob ich genug tue, um andere nicht zu gefährden, und ich sinniere über die Folgen der neusten Bestimmungen: Für die Familien wegen des Schulstopps; für Geschäftsinhaber, deren Einkünfte einbrechen; für Kunstschaffende, deren Existenzgrundlage gefährdet ist. Aber auch für unser Zusammenleben. So traurig es ist: Die Krise ruft teilweise das Schlimmste im Menschen hervor; angefangen mit egoistischen Hamsterkäufen, die im Handgemenge um ein Pack Spaghetti kulminieren, bis hin zu rücksichtslosem Diebstahl in Spitälern.

Wo führt das hin? Und was können wir nun, um andere und uns selbst zu schützen und die Zeit zu überstehen? Hier meine Vorschläge als professionelle Couch-Kartoffel: Lebensmittel online bestellen und liefern lassen, Skype-Telefonie, Netflix, Amazon oder Hulu abonnieren; ein gutes Buch lesen, spazieren gehen. Vor allem: Den erzwungenen Moment der Ruhe nutzen, um über den Sinn des Lebens nachzudenken. Warum vermissen wir all die Playoffs, Theaterabende, Konzerte, und Einladungen? Der gemeinsame Nenner heisst Gemeinschaft: etwas teilen, das Leben feiern.

Der Mensch bleibt ein soziales Wesen, und inmitten dieser Krise scheinen auch solidarische Lichtblicke auf: Menschen, die sich ihren betagten Nachbarn als Einkäufer zur Verfügung stellen; der Twitterhashtag #coronahilfe, über den online Unterstützung angeboten wird. Diese gelebte Nächstenliebe zeigt mir, dass diese Krise uns bekannte Wahrheiten neu bewusst machen kann: Das Leben ist kostbar. Wir brauchen einander. Und kein Mensch wird trotz aller Individualisierung jemals eine Insel sein.