Hochbegabung

Gleichmacherei

Auf hochbegabte Kinder nimmt die Schule wenig Rücksicht.

Lucien Fluri
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Zwei bis drei Prozent der Kinder sind hochbegabt.

Zwei bis drei Prozent der Kinder sind hochbegabt.

Man denkt, Eltern müssten stolz sein, wenn ihr Kind Überdurchschnittliches leistet. Doch wer mit Eltern hochbegabter Kinder spricht, erlebt etwas anderes. Insgeheim mögen sie stolz sein. Doch mit Namen möchten sie sich lieber nicht äussern – sei es aus Angst vor Neid, sei es, um beim Gegenüber nicht Erwartungen zu wecken, die das Kind nicht erfüllen kann oder will.

Nicht aus der Masse herauszuragen, ist eine Schweizer «Tugend». Aber ist es nicht eine verkehrte Welt, wenn Talent den Betroffenen schon fast peinlich sein muss?

Nicht aus der Masse herausragen: Das scheint, glaubt man Eltern und Spezialisten, auch in der einen oder anderen Solothurner Schule das Motto im Umgang mit Hochbegabten zu sein.

Dass sie alle Kinder gleich behandelt, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Einkommen der Eltern, ist eine der grossen Leistungen unserer Schule. In der Schweiz soll jedes Kind mit den gleichen Chancen ins Leben starten können. Gleichbehandlung aber heisst auch, dass jeder die Chance erhält, seine Talente zu entwickeln. Wenn es für Hochbegabte jedoch keine Fördermassnahmen gibt und sie im Unterricht aus Langeweile aufhören, mitzumachen, wenn sie gar zu schlechten Schülern werden, dann verwehrt ihnen die Schule, ihre Talente zu entwickeln. Diejenigen, die aus der Masse herausragen, gleichen sich dann immer mehr dem Durchschnitt an. Das ist Gleichmacherei, nicht Gleichheit. Das ist unfair und ungerecht.

lucien.fluri@azmedien.ch