Kommentar

Auch über den Islam soll man streiten

Der Islam ist eine Religion unter verschiedenen - und soll deshalb auch wie andere kritisiert werden dürfen, sagt Publizist Martin A. Senn.

Martin A. Senn
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Martin A. Senn.

Martin A. Senn.

«Es grassiert eine seltsame Krankheit in unserem Land: die Islamophobie», schrieb neulich jemand auf Facebook. Meinungen als krank zu bezeichnen, kann schlimm enden, das hat die Vergangenheit oft genug gezeigt, deshalb wollte ich antworten. Doch da blitzte schon der erste Kommentar auf: «Die Krankheit ist der Islam!» Das passt ins Bild: Wenn es um den Islam geht, sind vernünftige Diskussionen kaum mehr möglich. Entweder ist man im einen oder im anderen Lager, Punkt. Zwischentöne gibt’s nicht. Und das eine Lager ist gegen die Argumente des andern völlig immun – und umgekehrt.

So hoffnungslos verfahren wie in Deutschland ist es in der Schweiz nicht. Aber auch hier sind die Rollen klar verteilt: Kritik am Islam wird mit Kritik an Muslimen gleichgesetzt, an Einwanderern, an Schwachen. Dementsprechend wird das Verhältnis zum Islam immer öfter nur unter dem Gesichtspunkt der Fremdenfeindlichkeit diskutiert. Dass es die Kommission gegen Rassismus war, die eben erst eine Studie zur ­Medienberichterstattung über Muslime veröffentlicht hat, kommt nicht von ungefähr. Wie Journalisten über eine Religion berichten, wird damit zu einer rein moralischen Frage.

Angefangen hat diese Entwicklung mit den islamistischen Terroranschlägen ab den 2000er-Jahren. Um die grosse Mehrheit der Muslime nicht vor den Kopf zu stossen, erklären Regierungschefs der betroffenen Länder seither immer wieder, die islamistischen Terroristen hätten nichts mit dem «richtigen Islam» zu tun, ja sie seien überhaupt nicht islamisch.

Das war gut gemeint, kam aber schief heraus. Die Rechten sahen darin einen inakzeptablen Versuch, die Muslime mehr in Schutz zu nehmen als die übrigen Bürger. Im Gegenzug fingen Linke an, vor Verfehlungen und Verhalten von Muslimen, die sie bei Nichtmuslimen sonst vehement anprangern, die Augen zu verschliessen, nur um den «Islamophoben» nicht in irgendeiner Weise recht geben zu müssen. Das ging so weit, dass einige Feministinnen das Tragen des Kopftuchs als Selbstverwirklichung der muslimischen Frau feierten. Schliesslich standen sich zwei völlig unversöhnliche Lager gegenüber, wie sich nun nach «Chemnitz» zeigt.

Vor einer derart bedrohlich aufgeladenen Stimmung hat die Schweiz, wie so oft, die direkte Demokratie bewahrt. In Abstimmungskämpfen wird über Fragen rund um den Islam, wie Vollverschleierung oder Minarette, gestritten, die in Deutschland unter dem Deckel gehalten werden, bis der Topf überkocht. Auch wenn nie alle mit den Abstimmungsresultaten zufrieden sind, ist die Atmosphäre hier doch deutlich entspannter. Das ist gut so.

Denn der Islam ist selbstverständlich keine Krankheit, und ebenso wenig ist es die Kritik an ihm. Der Islam ist eine Religion unter verschiedenen. Und als Religion darf man ihn, ja muss man ihn kritisieren wie alle anderen Religionen auch. Dass das auch Rechts­extreme tun, wie pauschal und verschroben auch immer, darf kein Grund sein, von dieser Meinungsäusserungsfreiheit abzurücken. Sonst tun wir genau das, was die islamistischen Terroristen wollen: Wir machen unsere Gesellschaft unfreier.