Per Autostopp um die Welt (116)
Back home! Zum Abschluss gibt's Barcelona, die Toten Hosen und ganz viele Tränen

Es ist der zweitletzte Tag meiner Autostopp-Weltumrundung. Meine Freundin Lea und ich sitzen im Backstage-Bereich des Open Air Gampel. Ungeplant.

Thomas Schlittler
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Unsere letzte Etappe beginnt in der spanischen Hauptstadt Madrid bei Don Quijote und Sancho Panza (vorne) sowie ihrem Schöpfer Miguel de Cervantes (hinten).
33 Bilder
Von Madrid nach Guadalajara: Mit Lola geht es Richtung Nordosten. Die Sekretärin nimmt uns mit, weil Bekannte von ihr mal per Autostopp nach Polen gereist sind.
Von Guadalajara nach Autobahnraststätte: Isaak fragt uns, wo wir übernachten und wie wir uns ernähren. Als wir ihm sagen, dass wir nicht arm sind und aus Abenteuerlust trampen, scheint er erleichtert.
Von Autobahnraststätte nach Almadrones: Der kleine Raoul hat seinen Papa Agustin zur Arbeit begleitet. Als sie uns mitnehmen, sind die beiden Handwerker aber auf dem Heimweg.
Von Almadrones nach Zaragoza: Nach drei kurzen Fahrten geht es mit Remus endlich richtig vorwärts: Der sympathische Rumäne, der seit 10 Jahren in Spanien lebt und arbeitet, bringt uns direkt nach Saragossa.
Saragossa hatten wir eigentlich nur als Zwischenstopp auf dem Weg nach Barcelona im Kopf, doch die Stadt entpuppt sich als sehr gemütlich und sehenswert.
In Barcelona verbringen wir drei Nächte - und zwei Tage später kommt es zu dem feigen Terroranschlag auf der Flaniermeile La Rambla.
Von Zaragoza nach Girona_ Bei der Französin Claire im Auto haben wir mit der Umstellung von Spanisch auf Französisch zu kämpfen - es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.
Von Girona nach Arles_ Mit Flavio (links) und Eduardo können wir dagegen Englisch sprechen. Die beiden jungen Italiener sind auf dem Heimweg von Lissabon nach Rom.
Von Zaragoza nach Barcelona_Aurelio ist unser Held des Tages_ Nach vier Stunden an verschiedenen, kaum befahrenen Autobahneinfahrten bringt er uns direkt ins Zentrum von Barcelona.
Von Arles nach Graveson_Coco (l.) wiederum spricht gar nicht, wie uns Yoga-Lehrer Alex sagt. Wir sind nicht ganz sicher, ob sie nicht sprechen kann, oder ob sie sich ein Schweigegelübde auferlegt hat.
Von Graveson nach Rognonas_ Lebemann Jordi war erst kürzlich in der Romandie an einem Auto-Drift-Wettkampf.
Von Rognonas nach Avignon_ Cédric ist Zugverkehrsleiter und zeigt uns seinen Arbeitsplatz, an dem der Bahnverkehr in der Region gesteuert wird. Deshalb liebe ich Trampen! (Fotos nicht erlaubt)
Avignon ist bekannt wegen des Papstpalasts, der aus dem 14. Jahrhundert stammt. Von 1309 bis 1423 war Avignon der Sitz des Papstes.
Mindestens ebenso bekannt wie der Papstpalast ist aber die Brücke Saint-Bénézet, besser bekannt als Pont d'Avignon.
Von Avignon nach Kreisel_ Bei Mathilde und Victor sitzen wir nur kurz im Auto. Schade, wir hätten die beiden gerne besser kennengelernt.
Von Kreisel nach Orange_ In diesem Minibus sitzen drei spanische Pärchen. Wir können noch ein letztes Mal Spanisch sprechen mit unseren Fahrern.
Von Orange nach Valence_ Ein schweigsamer Typ, der Architektur studiert hat.
Von Valence nach Grenoble_ Familienvater Olivier kommt gerade aus den Ferien zurück. Frau und Kinder haben den Zug genommen.
Von Grenoble nach Ugine_ José ist Portugiese, arbeitet aber seit vielen, vielen Jahren in Frankreich auf dem Bau. Ihm gefällt es hier fantastisch.
Von Ugine nach Flumet_ Gabrielle werden wir nie vergessen_ Unsere bzw. meine 1000. Fahrerin. Das mit den Handzeichen müssen wir noch üben, ich weiss.
Von Flumet nach Passy_ Valentine war auch über ein Jahr auf Weltreise. In wenigen Tagen beginnt für sie aber wieder der Ernst des Lebens_ Arbeiten!
Von Flumet nach Passy_ Valentine war auch über ein Jahr auf Weltreise. In wenigen Tagen beginnt für sie aber wieder der Ernst des Lebens_ Arbeiten
Von Chamonix nach Argentiere_ Perrine macht gerade eine schwierige Zeit durch, beruflich und gesundheitlich. Sie hilft uns aber trotzdem und nimmt uns mit.
Von Argentiere nach Vallorcine_ Emanuel arbeitet als Yoga-Lehrer und ist in den Bergen, um Energie zu tanken.
Er bringt uns zu einem kleinen Zeltplatz ganz in der Nähe der Schweizer Grenze.
Von Vallorcine nach Martigny_ Über die Grenze fahren wir mit Aline und Lee.
Nach über 26 Monaten auf Weltreise heisst es wieder_ Hallo Schweiz!
Von Martigny nach Sion_ Patrick ist ein ehemaliger Eishockey-Profi, heute Direktor des HC Sion - und vor allem ein extrem sympathischer Typ!
Von Sion nach Gampel_ Frohnatur Alexis bringt uns ans Open Air Gampel. Backstage! Und kostenlos! (siehe Artikel)
Von Gampel nach Bern_ Walä (links) und Philipp waren ebenfalls am Hosen-Konzert. Walä hat die Hosen erstmals in den 80er-Jahren in Düsseldorf live gesehen - und seither immer wieder.
Von Bern nach Winterthur_ Und das ist unser letzter Fahrer Max. Der Rentner aus Dübendorf bringt uns direkt von Bern nach Winterthur.
Per Autostopp um die Welt (116)

Unsere letzte Etappe beginnt in der spanischen Hauptstadt Madrid bei Don Quijote und Sancho Panza (vorne) sowie ihrem Schöpfer Miguel de Cervantes (hinten).

Thomas Schlittler

In wenigen Stunden spielt meine Lieblingsband, die Toten Hosen. Und das Unglaubliche: Wir mussten für die begehrten Tickets keinen Rappen bezahlen.

Zu verdanken haben wir das alles dem Segen des Autostopp-Gottes – oder besser gesagt: Alexis. Der junge Franzose arbeitet für das Walliser-Radio Rhône FM und nimmt uns an der Autobahneinfahrt in Sion mit. Es ist Alexis, der uns erzählt, dass dieses Wochenende Open Air ist und heute Abend die Hosen auf dem Programm stehen. Es ist Alexis, der die Idee hat, Backstage-Tickets für uns zu organisieren. Und es ist Alexis, dem dieses Kunststück tatsächlich gelingt.

Alexis hat es Spass gemacht, uns eine Freude zu machen. Das zeigt nicht zuletzt dieser Facebook-Eintrag von ihm.

Alexis hat es Spass gemacht, uns eine Freude zu machen. Das zeigt nicht zuletzt dieser Facebook-Eintrag von ihm.

screenshot: facebook.com/ alex velt

Wieso Alexis das alles für uns tut, weiss ich nicht. Klar, wir haben ihm erzählt, dass ich mehr als 26 Monate gebraucht habe, um per Autostopp von Winterthur bis ins Wallis zu gelangen. Doch er hätte auch einfach «Wow» sagen, uns in Gampel absetzen und zur Arbeit fahren können. Schon dafür wären wir ihm sehr dankbar gewesen. Doch Alexis will uns offensichtlich ein weiteres unvergessliches Reiseerlebnis bescheren. Es ist, als will er ein Ausrufezeichen setzen hinter all die Einladungen, Geschenke und netten Gesten, die ich während meiner Reise auf der ganzen Welt entgegennehmen durfte.

Der Rummel am Gampel ist uns zu Beginn deshalb ein bisschen zuviel. Mit der Zeit können wir das Ganze dann aber doch in vollen Zügen geniessen.

Der Rummel am Gampel ist uns zu Beginn deshalb ein bisschen zuviel. Mit der Zeit können wir das Ganze dann aber doch in vollen Zügen geniessen.

Thomas Schlittler

Der unglaubliche Alexis, das Open Air Gampel, die Toten Hosen sowie die Aussicht auf das kurz bevorstehende Wiedersehen mit Familie und Freunden – eigentlich sollte ich der glücklichste Mensch sein auf Erden. Doch dem ist nicht so. Mir ist melancholisch zumute.

Alexis hat uns vom Terroranschlag in Barcelona erzählt. Wir wussten bis jetzt nichts davon, weil wir die Nacht zuvor im Zelt verbracht hatten. Die Nachricht ist ein Schock für uns. Schliesslich kommen wir direkt aus Barcelona. Zwei Tage vor den Anschlägen waren wir noch durch die Stadt geschlendert. Ich hatte sogar Fotos gemacht von den Menschenmassen auf der Flaniermeile La Rambla.

Bis Dienstag waren wir in Barcelona – auch auf der Flaniermeile La Rambla. Zwei Tage später werden hier 13 Menschen ermordet und über 100 werden verletzt.

Bis Dienstag waren wir in Barcelona – auch auf der Flaniermeile La Rambla. Zwei Tage später werden hier 13 Menschen ermordet und über 100 werden verletzt.

Thomas Schlittler

„Es hätte auch uns treffen können“, schiesst es mir immer wieder durch den Kopf. Ein Gedanke, den ich auf meiner ganzen Reise sonst nie haben musste. Erst jetzt, in der allerletzten Woche. Ich bin aufgewühlt, traurig – und verdammt wütend auf die feigen Täter.

Die Situation überfordert mich emotional. Zumal um uns herum zehntausende Menschen in Trink- und Feierlaune sind. Wir sind zwar wieder in der Schweiz, aber ich fühle mich in diesem Moment irgendwie wie ein komplett Aussenstehender. Ich komme mir vor wie ein Fremder im eigenen Land.

Lea geht es ähnlich. Erst indem wir miteinander über das Gefühlschaos reden, können wir die Melancholie Stück für Stück überwinden. Ein heftiger Sturm zieht über das Festgelände. Es regnet in Strömen. Als das Unwetter vorbei ist, hebt sich auch unsere Stimmung. Als spät nachts die Toten Hosen auf der Bühne stehen, sind die düsteren Gedanken ganz verflogen. Und als die Düsseldorfer zum Abschluss singen „An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit“, habe ich Tränen in den Augen. Freudentränen.

Neben dem Toten-Hosen-Konzert erlebe ich am Gampel übrigens noch einen anderen grossen Moment Eine Journalistin des Walliser Boten erkennt mich, weil sie meinen Blog liest, und will ein Interview.

Neben dem Toten-Hosen-Konzert erlebe ich am Gampel übrigens noch einen anderen grossen Moment Eine Journalistin des Walliser Boten erkennt mich, weil sie meinen Blog liest, und will ein Interview.

1815.ch

Das Konzert verfolgen auch Philipp und Walä. Die beiden Kumpels bringen uns am nächsten Morgen durch den Lötschbergtunnel und bis zur Raststätte Grauholz in Bern. Dort nimmt uns Max mit. Der Renter ist der 1009. Fahrer auf meiner Weltreise – und der letzte. Max muss eigentlich nach Dübendorf, doch er macht einen kleinen Umweg für uns uns und setzt uns direkt im Zentrum von Winterthur ab. Geschafft!

Wir setzen uns in eine Gartenbeiz und machen ein Video für unsere Familien sowie unsere engsten Freunde: „Hallo zusammen! Wir sind zurück und werden hier in der Stadt sein, bis nichts mehr offen hat. Wir freuen uns über alle, die Zeit und Lust haben auf ein Bierchen mit uns.“ Es dauert keine Stunde, bis die ersten eintreffen. Jetzt habe ich nicht mehr nur Tränen in den Augen, sondern heule wie ein Baby. Es ist schön, wieder zu Hause zu sein!

Per Autostopp um die Welt (116)

Per Autostopp um die Welt (116)

Thomas Schlittler