Beizer gegen Berset? Lassen wir uns nicht von den Pistoleros anstecken!

Je komplexer die Wirklichkeit, desto grösser die Verlockung, sie in ein leicht verständliches Narrativ mit wenigen Protagonisten zu pressen. Mündet Veranschaulichung jedoch in Personenkult, ist das wenig förderlich für die Sache.

Gregory Remez
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Gregory Remez, stv. Ressortleiter Wirtschaft.

Gregory Remez, stv. Ressortleiter Wirtschaft.

Bild: Manuela Jans-Koch

Auch in Zeiten, in denen vieles unsicher ist, gibt es Gewissheiten. Eine davon lautet, dass wohl nichts besser gegen Langeweile hilft als eine gute Geschichte. Ob diese nun via Netflix, ein Buch oder Telefonat zu uns gelangt, spielt eigentlich keine Rolle. Wir können gar nicht anders, wir denken und leben in Geschichten. Das zeigt auch, nun ja, die Geschichte. Und gerade jetzt, wo der eigene Lebensradius auf das Elementarste zusammenschrumpft, und die Möglichkeiten zur Zerstreuung rar sind, dürstet es uns besonders nach ihnen – und sind wir wohl auch anfälliger für deren Verführungen.

Nur Naive würden glauben, dass Zeitungen im Nachrichtenbusiness tätig sind, schrieb einst der Schweizer Journalist Constantin Seibt in seinem Blog «Deadline». In Wahrheit verkauften viele Zeitungen – getarnt durch Neuigkeiten – eine mindestens 4000 Jahre alte Ware: Geschichten. Und zwar immer dieselben. Etwa: Der Gott Chronos, der seine Kinder frisst. Der Umjubelte, der gekreuzigt wird; der Gekreuzigte, der wieder aufersteht.

Denn je komplexer die Wirklichkeit sich präsentiert, desto grösser scheint die Verlockung, sie in ein leicht verständliches Narrativ mit einigen wenigen Protagonisten zu pressen. Rechte gegen Linke. Bund gegen Kantone. Virologen gegen Ökonomen. Beizer gegen Berset.

Es geschieht also das, was gerade in öffentlichen Debatten in der Wirtschaft und der Politik immer wieder zu beobachten ist: Die Akteure nehmen plötzlich die ganze Bühne ein. Dann geht es nicht mehr um die Sache, etwa das schwierige helvetische Verhältnis von Föderalismus und Zentralismus, sondern um simple Machtfragen zwischen dem Bundesrat und einigen Kantonsparlamentariern. Nicht um Lösungen von ökologischen Herausforderungen, sondern um ein 16-jähriges Mädchen, das im Segelboot über den Atlantik schippert.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Nichts spricht dagegen, komplizierte Sachverhalte zugänglicher zu machen, indem man sie anhand der involvierten Personen erzählt. Komplexitätsreduktion ist letztlich eine Kernaufgabe der Medien. Mündet die Veranschaulichung jedoch in Personenkult, ist das nicht nur wenig förderlich für die Sache, es kann dazu auch noch gefährlich werden für die Akteure selbst. Denn der gefeierte Held von heute ist schnell der Buhmann von morgen.

Niemand weiss das besser als die Virologen, die in diesen Tagen unter besonderem öffentlichem Druck stehen. Nach wiederholten Drohungen aus der Bevölkerung monierte jüngst etwa Christian Drosten, das deutsche Pendant zum Schweizer Delegierten des BAG für Covid-19, Daniel Koch, wie in gewissen Talkshows versucht werde, «Konflikte zwischen Wissenschaftlern zu schüren und zu überzeichnen.»

Im schlimmsten Fall werden komplexe wirtschaftliche und politische Vorgänge reduziert auf ein paar inszenierte Pistoleroduelle, bei denen die Öffentlichkeit am Schluss denjenigen am lautesten beklatscht, der mit dem markigsten Spruch aus der Hüfte geschossen kommt. Immer wieder erliegen auch wir Medienleute dieser pervertierten Form der Personalisierung.

Ein guter Journalist ist im Idealfall ein emsiger Kartograf der sich gerade vollziehenden Lebenswirklichkeit. Wenn aber das Leben gerade ziemlich kompliziert ist, dann sind Rückgriffe auf altbewährte Erzählungen, auf simple Metaphern von Held und Antagonist, Sieg und Niederlage nicht nur tröstlich, weil sie vermeintlich geordnete Verhältnisse suggerieren, sondern geradezu existenziell. Kommt hinzu, dass es nicht einfacher geworden ist, den Mächtigen aus Wirtschaft und Politik auf die Finger zu schauen, wenn man im Homeoffice sitzt.

Nichtsdestotrotz sollten wir alle dieser Versuchung widerstehen. Denn das Leben ist keine Erzählung, es lässt sich nicht in ein narratives Korsett von Gut und Böse zwängen. Und gerade in der Wissenschaft, wo Fehler die Grundlage für Fortschritt bilden, sind solche Metaphern ohnehin fehl am Platz. Lassen wir uns davon also nicht anstecken!