Kommentar

Das Corona-Virus ist nicht die Pest, aber eine echte Bewährungsprobe

Die einschneidenden Massnahmen des Bundesrats sollen die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus abbremsen. Nun braucht es besonnenes und umsichtiges Verhalten von allen.

Roman Schenkel
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Etwas, das in der Schweiz ganz selbstverständlich war, ist plötzlich nicht mehr: Unser Land, das stets alles im Griff hat, alles kontrolliert – die Laufzeiten der A- und B-Post, die Pünktlichkeit der Züge, den Sauerstoffgehalt der Seen – unser Land erleidet einen Kontrollverlust. Das Corona-Virus, es entzieht sich jeder Kontrolle. Immer schneller breitet es sich aus.

Der Bundesrat wandelt in dieser ausserordentlichen Situation zwangsläufig auf einem schmalen Grat. Er muss der Öffentlichkeit reinen Wein einschenken, ohne Panik zu erzeugen. Das wird nur schon dadurch erschwert, dass Politiker, Unternehmer, Verbände, ja jeder einzelne Bürger ganz unterschiedlich auf seine Botschaften reagiert.

Während die einen Corona-Witze erzählen und laut «Hysterie!» rufen, blicken sich die anderen besorgt um, wenn jemand im Zug hustet, als ob es sich bei Corona um die Pest handelt, die uns alle dahinraffen wird. Wieder andere rennen in den nächsten Laden und decken sich mit Dosenfutter ein.

Wie in jeder schweren Krise kommt die Sehnsucht, dass der Bundesrat den Befreiungsschlag präsentiert. Doch das ist beim Corona-Virus eine Illusion. Weil das Virus neu und einzigartig ist.

Weil wir Europäer noch keine Erfahrung mit dem Bekämpfen einer Pandemie dieses Ausmasses haben. Weil man mit dem Geld der Notenbank einen hochansteckenden Erreger nicht eindämmen kann. Weil es noch kein Medikament, keinen Impfstoff gibt, der dagegen eingesetzt werden könnte.

Fakt ist: Die Gefahr besteht, dass sich ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung mit dem Corona-Virus infizieren könnte. Da es besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen gibt, darf das Gesundheitssystem nicht überlastet werden. Um es nicht zu überlasten, muss man Zeit gewinnen. Und um Zeit zu gewinnen, müssen nun die Schulen geschlossen, Veranstaltungen ab 100 Personen abgesagt, Plätze in Restaurants beschränkt und die Einreise in die Schweiz von Italien her weiter eingeschränkt werden.

Mit diesen Massnahmen soll die exponentielle Geschwindigkeit, mit der sich das Virus ausbreitet, verringert werden. Je niedriger diese ist, desto besser kann sich das Gesundheitssystem auf den ungeplanten Stresstest vorbereiten, der in den nächsten Wochen bevorsteht.

Hat die Politik übertrieben? Hat sie zu spät reagiert? Das werden wir erst in ein paar Monaten wissen. Dann zeigt sich, ob diese oder jene Massnahme richtig oder falsch war. Es ist zu befürchten, dass es dennoch weitere Tote geben wird. Gelingt es aber damit wie beispielsweise in Südkorea die Ansteckungskurve abzuflachen, dürfte sich der gesundheitliche Schaden für die Schweiz in Grenzen halten. Mit Ausnahme für die Risikogruppen (ab Alter 65 aufwärts; chronisch Kranke) verläuft das Virus mild.

Hart treffen wird das Corona-Virus die Wirtschaft. Die Folgen werden noch lange nachhallen. Dass die Welt nach der Corona-Pandemie eine bessere sein wird, das ist pure Romantik. Gewiss, es wird Innovationen geben. Beispielsweise in der Medizin, in der Bekämpfung einer Seuche, im Umsetzen von Digitalisierungsprozessen.

In erster Linie ist das Virus aber ein schwerer Schlag. Der Ausbruch hat gezeigt, wie anfällig das in den letzten Jahrzehnten eng verflochtene Wirtschaftssystem ist. Auf einmal sind Lieferketten für Wochen unterbrochen, die Werkbank in China, wo unzählige Produkte unseres täglichen Gebrauchs herkommen, steht zu einem Grossteil still.

Doch nicht nur die Wirtschaft, auch die Gesellschaft bekommt den Spiegel vorgesetzt, wie schnell es gehen kann, dass Selbstverständlichkeiten bedroht sind. Von einem auf den anderen Tag gibt es einschneidende Reisebeschränkungen. In nächster Zeit sitzen wir sozusagen in einem goldenen Käfig.

Corona ist nicht die Pest, es ist aber auch keine normale Grippe. Vor allem ist es aber eine echte Bewährungsprobe. Jede und jeder einzelne kann mit umsichtigem und diszipliniertem Verhalten helfen, dem Virus den Schrecken zu nehmen.