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Kommentar

Das Internet macht nicht dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich

Es ist en vogue geworden, das Internet zu verteufeln. Früher taten es hysterische Kulturpessimisten. Heute sogar die Online-Medien selber. Dabei vergessen sie, dass Menschen ein Gehirn haben und keine Zombies sind.
Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser

Raffael Schuppisser

Ja, ist denn das Internet an allem schuld? «Meiden Sie digitale Medien. Sie machen dick, dumm, aggressiv, einsam, krank, unglücklich», rät der Hirnforscher Manfred Spitzer in einem seiner Bestseller, die Titel tragen wie «Digitale Demenz», «Cyberkrank!» oder «Smartphone-Epidemie». Was der umstrittene deutsche Forscher seit Jahren beklagt, findet nun auch in den Medien Widerhall. Es ist en vogue geworden, das Internet zu verteufeln. Jüngst schrieb «Zeit Online»: «Das digitale Leben macht uns krank und wir wissen das. Wir müssen es beenden!» Und forderte «ein Leben nach dem Internet». Und zwar «jetzt». Damit hat das InternetBashing einen Höhepunkt erreicht. Zumal die in hyperalarmistischem Ton gehaltene OfflineForderung in einem Medium erschienen ist, das es ohne das Internet gar nicht gäbe.


Einmal im Internet drin, kann man nicht mehr anders als stunden-, tage-, ja jahrelang auf Facebook und Instagram zu scrollen, sich durch Newsportale zu klicken und Games zu zocken. Ohne Ende, ohne Pause. Schliesslich ist das Internet grenzenlos. Wer so denkt, verwechselt Menschen mit Zombies: mit Wesen ohne Gehirn und ohne der Fähigkeit zur Selbstreflexion.

«Gerade Jugendliche und junge Erwachsene machen sich durchaus Gedanken darüber, welche Auswirkungen das Internet auf sie hat.»


Doch der Mensch ist bekanntlich ein vernunftbegabtes Wesen – und verfügt über die Gabe, sich selber Grenzen zu setzen. Er kann, das was er tut, hinterfragen. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene machen sich durchaus Gedanken darüber, welche Auswirkungen das Internet auf sie hat. Das zeigt eine Studie, welche die Fachhochschule Nordwestschweiz diese Woche veröffentlicht hat. Die Hälfte der befragten 16- bis 25-Jährigen gab an, sich «viele Gedanken» über ihre Online-Nutzung zu machen.


Den Reflexionen über das Online-Sein folgen klare Handlungen: 77 Prozent der Befragten nutzen ihr Handy nicht, wenn sie sich auf etwas anderes konzentrieren müssen, 62 Prozent haben bereits Apps gelöscht, weil sie zu viel Zeit in Anspruch nehmen, 49 Prozent deaktivieren Benachrichtigungsfunktionen, um das Smartphone weniger oft in die Hand zu nehmen, und 28 Prozent setzen sich Zeitlimiten, wie lange sie online sein wollen.

«Aber eben, das Netz ist kein Virus, dem man widerstandslos ausgesetzt ist. Und der Mensch kein Zombie, er hat ein Gehirn.»


Die Digital Natives haben Strategien gefunden, um mit der ständigen Erreichbarkeit auf gefühlten tausend Kanälen und den Apps mit Suchtfaktor umzugehen. Sie setzten sich deutlich mehr mit ihrem Online-Verhalten auseinander als die 40- bis 50-Jährigen, welche für die Studie ebenfalls befragt wurden. Das mag verwundern, sprechen doch Internetalarmisten den Jugendlichen besonders wenig Reflexionsvermögen zu – schliesslich sind sie ja quasi im Internet geboren und damit besonders stark daran erkrankt.


Aber eben, das Netz ist kein Virus, dem man widerstandslos ausgesetzt ist. Und der Mensch kein Zombie, er hat ein Gehirn. Dieses zu gebrauchen, wenn wir das Smartphone in die Hand nehmen, ist natürlich sinnvoll. Der Umgang mit dem Internet kann einen schnell überfordern. Und so ist eine der wichtigsten Fähigkeiten des Digitalzeitalters, offline gehen zu können. Man muss sich vom hektischen Blinken und Piepsen, Liken und Posten immer wieder Auszeiten verschaffen. Und sollte sich überlegen, welche der Tausenden Apps und Online-Dienste einen wirklich weiterbringt und welche nur Zeitfresser sind.

«Wenn wir digitale Medien richtig nutzen, machen sie uns weder dick und dumm noch einsam und unglücklich.»


Es erstaunt nicht, dass das jenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen besser gelingt, die Schulen mit hohen Anforderungen besuchen, und die ein breiteres Interesse an «politischen und kulturellen Informationen» haben, wie es in der Studie heisst. Schliesslich sind sie es gewohnt, sich ihres Verstandes zu bedienen und ihre Vernunft walten zu lassen. Warum sollte das online anders sein?


Wir können das Internet nicht abschalten (und wollen das natürlich auch nicht). Aber wir können lernen, damit umzugehen. Wir können auch Facebook nicht zerstören, aber die App auf unserem Handy löschen (wenn wir das wollen). Wenn wir digitale Medien richtig nutzen, machen sie uns weder dick und dumm noch einsam und unglücklich. Sondern helfen uns dabei, klug zu werden, uns zu vernetzen und glücklich zu leben. Ob das gelingt, liegt aber nicht am Internet, sondern an uns selbst.

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