Tiefe Löhne, lange Arbeitszeiten: Deshalb sind die neuen Öffnungszeiten unwürdig

Stefan Ehrbar
Drucken
Teilen
Immer einkaufen gehen können, auch Sonntags und abends? Für die Kunden angenehm, für die Mitarbeiter weniger.

Immer einkaufen gehen können, auch Sonntags und abends? Für die Kunden angenehm, für die Mitarbeiter weniger.

Bild: dpa

Gegessen wird immer. Das zeigt sich in der Coronakrise deutlich. Den Supermärkten kann das Virus nichts anhaben. Die Kunden strömen in Scharen in die Läden – vor den Festtagen umso mehr.

Die Migros Aare, die nach Umsatz zweitgrösste Genossenschaft des Detailhändlers, nimmt das zum Anlass, um die Öffnungszeiten vor den Fest­tagen zu verlängern. Dass dies aus Gründen des Infektionsschutzes geschieht, wie es eine Sprecherin sagt, darf bezweifelt werden. Schliesslich haben die Detailhändler noch vor der Einführung der Maskenpflicht heftig gegen diese lobbyiert. Es seien keine Ansteckungen in Läden bekannt, lautete damals das Argument.

Vielmehr reagiert die Migros auf einen gesellschaftlichen Trend. Der zeichnet sich schon seit Jahren ab. Die Menschen arbeiten flexibler, das klassische Rollenmodell hat ausgedient. Ein Ladenschluss um 18.30 Uhr reicht nicht mehr. Dass die Händler darauf reagieren, ist nichts als richtig. Coop etwa hält in der Stadt Zürich schon eine Mehrheit seiner Filialen auch nach 20 Uhr offen. Auf dem Land schliesst manche Volg-Filiale erst um 21 Uhr – ein Erfolgs­modell für den Händler.

Doch hinter den Kassen sitzen Menschen. Dass abends gearbeitet werden muss, ist nicht per se unerhört – auch andernorts ist das üblich. Das Problem sind die Arbeitsbedingungen: Im Detailhandel sind die Löhne tief, die Arbeitszeiten oft durch lange Pausen getrennt, und die Wertschätzung ist gering.

Das dürfte auch ein wichtiger Grund dafür sein, dass Liberalisierungen von Öffnungszeiten meist an der Urne scheitern, wenn in den Kantonen darüber abgestimmt wird.

Dieser Gegensatz hat eine unwürdige Entwicklung in Gang gesetzt. Detailhändler öffnen in «strengen» Kantonen Läden in Bahnhöfen, wo lange Öffnungszeiten erlaubt sind. Tankstellenshops, für welche ebenfalls längere Öffnungszeiten gelten, überziehen mittlerweile in grosser Zahl das Land.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Die Gewerkschaftsforderung, dass es im Detailhandel keine Löhne unter 4000 Franken geben darf, ist sicher nicht überzogen. Die Wertschätzung hingegen liegt in der Hand der Kunden – und kostet nichts.