Kommentar
Der neue Gaddhafi: Lybischer General will ganz nach oben

Korrespondent Michael Wrase analysiert die Unruhen in Libyen.

Michael Wrase, Limassol
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Korrespondent Michael Wrase.

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Seine schwülstigen Parolen könnte Chalifa Haftar von dem im Oktober 2011 gelynchten Muammar al Gaddhafi abgekupfert haben. «Heute vollenden wir unseren siegreichen Marsch und kommen den Rufen unserer Angehörigen in unserer teuren Hauptstadt nach», hatte der libysche General diese Woche in einer Audiobotschaft «zur bevorstehenden Befreiung von Tripolis» verkündet.

Ob er die Drei-Millionen-Einwohner-Stadt tatsächlich einnehmen wird, scheint fraglich. Bereits seit Wochenbeginn ist Tripolis grossräumig umzingelt. Vorgeschobene Verbände von Haftars Streitkräften sollen weniger als 30 Kilometer vor der libyschen Hauptstadt stehen, in der die international anerkannte libysche Regierung unter Führung von Premierminister Fajes al-Sarradsch ihren Sitz an. Er hat inzwischen die Generalmobilmachung der ihm loyalen Truppen angeordnet. Mit Sarradsch ist General Haftar am 15. April zu Gesprächen über die Zukunft des Landes verabredet. Sie sollen in der Stadt Ghadames, unweit der algerischen Grenze, unter Vermittlung der Vereinten Nationen stattfinden. Es dürfte daher kein Zufall gewesen sein, dass Haftar ausgerechnet jetzt den militärischen Druck auf Tripolis so massiv verstärkt hat. «Der General versucht sich so in eine Position der Stärke zu manövrieren», betonen westliche Diplomaten in der libyschen Hauptstadt. Dort hatte UN-Generalsekretär Antonio Gutteres am Donnerstag noch einmal eindringlich vor einer «militärischen Lösung» gewarnt. Nichts anders hat General Haftar vermutlich im Sinn. Seit mehreren Jahren ignoriert der 75-Jährige alle internationalen Aufrufe zur Mässigung und Rückhaltung und lässt seine Armee von seinen Stützpunkten bei Benghazi konsequent nach Westen marschieren. 90 Prozent des viertgrössten afrikanischen Landes soll seine «LNA» bereits kontrollieren. Den «endgültigen Sieg», hat Haftar klargestellt, werde er sich «von niemanden mehr» nehmen lassen.

General Chalifa Haftar greift in Lybien nach der Macht.Bild. EPA

General Chalifa Haftar greift in Lybien nach der Macht.
Bild. EPA

Zum Ende seiner wechselvollen Karriere will der gesundheitlich angeschlagene General ganz nach oben – so wie einst Gaddhafi, an dessen 1969 erfolgten Putsch gegen König Idris sich Haftar als junger Offizier beteiligte. Profilieren an der Seite des charismatischen Diktators konnte er sich nicht. Haftar schaffte es in die Führungsspitze der libyschen Armee, die unter seinem Kommando 1987 den Tschad angriff und von Tobu-Milizen vernichtend geschlagen wurde. Der General geriet in Gefangenschaft, aus der er 1990 mit Hilfe der CIA befreit wurde.

20 Jahre verbrachte Haftar daraufhin in den USA, wo er den Widerstand gegen Gaddhafi zu organisieren versuchte. Nach dem durch eine Nato-Intervention herbeigeführten Sturz des Diktators ging der in der ehemaligen Sowjetunion ausgebildete General zurück nach Libyen. Von seinen politischen Gegnern als «CIA-Agent» beschimpft, schaffte es Haftar mit seinen Truppen, die dschihadistischen Milizen im Osten des Landes zu schlagen und sich damit auch auf internationaler Ebene als Bündnispartner zu empfehlen. Haftar kann die internationale Legitimierung von Premier Sarradsch nicht völlig ignorieren. Unter amerikanischen Druck hatte sich der General im Februar zu freien Wahlen bekennen müssen. Gleichzeitig waren seine Truppen bis zur Grenze zu Algerien vorgerückt, wo wichtige Ölquellen besetzt wurden. Haftars Vorgehen erinnert zuweilen an die erratische Politik von Gaddhafi, der die internationale Staatengemeinschaft immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt hatte.